Hamburg, G20, Welcome to Hell: Die Schuld der sozialen Medien

 In Allgemein

Hamburg hat ein Wochenende hinter sich, das so vermutlich wenige vorher prognostiziert hätten. Die politischen und sicherheitstechnischen Fragen werden in den nächsten Tagen hoch und runter diskutiert. Was aber ebenso wichtig scheint, ist die Beleuchtung moderner Kommunikationsdynamik, die die Eskalation in Hamburg in meinen Augen befördert hat und die zukünftig Teil der Vorfeld-Betrachtungen sein muss.


(1) Soziale Medien und der politische Aktionismus

Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie soziale Netzwerke zum Dreh- und Angelpunkt politischer Kommunikation wurden. Beim Arabischen Frühling, in der Flüchtlingsfrage, bei Donald Trump, bei TTIP. Es gibt heute wohl keine politische Kampagne mehr, bei der soziale Medien keine Rolle spielen. Das kann man gut finden, es schafft Beteiligung. Es schafft aber auch eine neue Dynamik.

In Hamburg haben sich am Wochenende über 50.000 Menschen zusammengefunden, die größtenteils friedlich demonstrierten. Es gab zahlreiche tolle Aktionen. Es gab aber eben auch eine bereits im Vorfeld klar angekündigte „Welcome to Hell“ Demonstration.

In dieser heißt es u.a.: Streift in großen Gruppen oder als Demo durch das Viertel und ladet alle ein, mitzukommen. Am Vorabend der Blockaden erkunden wir mit unseren Freund*innen aus aller Welt St. Pauli und zeigen, dass wir da sind! Wir nehmen uns die Stadt zurück, indem wir gemeinsam auf der Straße sind, unversöhnlich mit den bestehenden Verhältnissen und voller Sehnsucht nach einer solidarischen Gesellschaft. Wir lassen uns nicht aufhalten, weder von den scheiß Bullen, noch von einer grundrechtsfreien „blauen zone“!“

Hierzu zwei Dinge: Erstens wird spätestens hier deutlich, wie sehr die Organisatoren für die Gewalteskalation verantwortlich sind. Vor allem aber haben sie eine öffentliche Einladung geschaffen. Es ist davon auszugehen, dass soziale Medien, Messenger & Co. ganz wesentlich halfen, Leute aus anderen Ecken Deutschlands und aus dem Ausland zu mobilisieren.


(2) Twitter und der Hashtag

Mir fiel bereits am Donnerstag auf, dass die Diskussion zu den bis dahin gewaltlosen Demonstrationen auf Twitter fast immer zumindest auch unter dem Hashtag #welcometohell lief. Durch Medien, durch Politiker, durch private Nutzer. Ich selbst habe meine Kritik daran mithilfe dieses Hashtags ausgedrückt.

Fakt ist: Damit wurde für die Kampagne minütlich eine Aufmerksamkeit geschaffen, wie es sich Marken bei Kampagnen immer wünschen. Es ist Teil der Social Media Mechaniken, dass Nutzer auf solche Hashtags aufspringen. Daraus entzündet sich natürlich keine Gewalteskalation, sehr wohl aber baut sich damit eine Welle auf, auf der ganz viele mitreiten wollen.


(3) Live-Bilder als Booster

Auf nahezu allen Bildern aus Hamburg sind junge Menschen mit Smartphones zu sehen. Manche waren sicher Teil der organisierten Eskalation, andere aber wohl nur Schaulustige. Es gehört zum Social Web, dass Nutzer mit Beiträgen – zunehmend vor allem Live-Dokumenten – ein wenig Ruhm in den Netzwerken bekommen wollen. Über viele Likes und Shares – oder auch dadurch, dass Medien die Beiträge aufnehmen. Nicht selten lese ich: „Ich hab’s geschafft, bin mit meinem Foto in Medium XY gelandet!“

So wichtig es auch ist, dass Medien berichten (ich selbst bin gelernter Journalist) – und ich habe am Sonntag Abend die wirklich gute Doku von SpiegelTV  gesehen – so sehr müssen Journalisten verstehen, dass sie Teil dieses Spiels sind. Sie müssen näher ran, voll live drauf sein, nicht nur Infos sammeln, sondern gleich live mitstreamen. Eine neue Aufgabe, weil der klassische Journalist plötzlich zum Kameramann wird. Und im Ernstfall wie beim Einsatz auf der Schanze geht es dann zu wie im Kriegsgebiet. Ich bin hier nicht der Experte, aber Enno Lenze ist es, und ich empfehle allen, seinen Text zu Hamburg zu lesen.

Dazu kommt, dass Betroffene, Anwohner die Sachen live mitfilmen. Wenn Du willst, dass Deine Aktionen wahrgenommen werden, dann produziere halt ein paar brennende Autos mit richtig Qualm. Wenn dann Leute vom Balkon von oben filmen oder durch die Straßen fahren, dann wirkt das wie Apokalypse. Dazu verteilt sich das Material derart stark in sozialen Netzwerken, dass die Aktionen erst dadurch eine wirkliche nationale oder globale Bedeutung bekommen.

Scheinbar reicht es heutzutage auch schon, auf ein Einsatzfahrzeug zu steigen, um für manche digitale Medien zur Heldin zu werden.

 

(4) Schwarze Klamotten: „The Signature“

Wir kennen das schon vom IS. Schwarze Klamotten, schwarze Fahnen. So eine Art unverkennbare Signatur. Mir kam am Wochenende immer wieder der vergleichende Gedanke: Das sieht alles so aus wie beim IS. Die Leute definieren sich über ihre schwarzen Klamotten. Das ist wie ein Schauspiel. Das sieht total gefährlich aus. Nun ist klar, dass der „schwarze Block“ schwarz sein muss. Bei teilweise kolportierten 2.000 Leute in schwarzen Klamotten und einigen Doku-Szenen aber kommt mir unweigerlich der Gedanke, dass da Leute mitgelaufen sind, die sich dort selbst gar nicht verorten würden.

Einmal böse aussehen. Einmal in Gruppe der Staatsmacht gegenüberstehen. Einmal richtig gefährlich auf Fotos rüberkommen. In der WhatsApp Gruppe das eigene Foto teilen. Klingt alles etwas banal, ich glaube aber, dass es gerade für Jugendliche oft diese einfache Logik ist.


(5) Aggro Pop Art

 

Für mich wirkt diese ganze Inszenierung in Hamburg wie Pop Art. Die mittlerweile bekannten Sätze wie „In Northface-Klamotten und Wurfzelten aus Bangladesh gegen den Kapitalismus demonstrieren“ verdichten das ganze ziemlich gut. Es scheinen eher verwöhnte und gelangweilte Jugendliche zu sein als politische Aktivisten mit echten Überzeugungen, die da in Hamburg ihr Wochenende zum Event machten. Dazu passt auch, dass mit Budnikowsky ein Laden auseinandergenommen wurde, der in Hamburg gerade wegen seiner eher sozialen Haltung große Akzeptanz besitzt. Dazu passt, dass ein REWE und ein Apple-Store mit den beispielhaftesten Produkten des so kritisierten Systems geplündert wurden.

Die Sicherheitsbehörden müssen sich für meine Begriffe rund um bekannte Termine wie auch den 1. Mai in Berlin zunehmend darauf einstellen, dass ein Event-Tourismus einsetzt, der sehr an die Hooligan-Szene im Fußball erinnert. Man trifft sich, um es bewusst eskalieren zu lassen. Die Welt streamt fleißig mit.

 

(6) Social Media Polizei und Online-Hetzjagd

Neu und doppelt schwierig für die Polizei ist auch, dass ihre Arbeit durch die sozialen Netzwerke erschwert wird. Ich habe schon mehrfache Trainings für die Social Media Arbeit bei polizeilichen Ensatzlagen gegeben und weiß durch den Austausch mit Polizeibeamten ein wenig, wovon ich spreche. Aber auch ohne diesen Hintergrund kann man sehen, welchen Einfluss Social Media Kommunikation hat. Ich sehe vor allem diese Punkte:

Online-Hetzjagd: Social Media Nutzer sehen Bilder, prüfen nicht, ob diese stimmen, und beginnen, selbst zu Ermittlungen aufzurufen. Die Polizei muss aktiv dagegen kommunizieren -> http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/gzwanzig-143.html

Einsatzlagen werden mitgefilmt und somit für die Gegenseite transparent. Immer wieder fordert die Polizei Social Media Nutzer auf, keine Bilder von Einsätzen öffentlich zu machen. Dies gilt auch für Journalisten. Sie stellt dafür – so wie jetzt auch in Hamburg – eigene Upload-Portale ins Netz, auf denen Nutzer ihr Material als Hilfe zur Polizeiarbeit hochladen können.

Live-Diskussionen über die Polizeiarbeit: Noch während die Einsätze laufen, diskutieren Nutzer und gerne auch Politiker und Medien über das Vorgehen der Polizei. Beim Amoklauf in München wurde der Polizeisprecher über Nacht zum Popstar. In Hamburg wurde die Polizei über Nacht zum Angreifer auf die Demokratie – zumindest wenn man einem beträchtlichen Teil der Kommentare glauben darf. Es werden einzelne Fotos veröffentlicht. Es werden Aussagen von Polizisten veröffentlicht. Es wird das Vorgehen mit Einzelfällen beschrieben. Alles ungeprüft. Alles meist rausgerissen aus einem größeren Kontext, wie er sich in einer Einsatzlage nach meiner Einschätzung immer ergibt.

Heißt: Das Vorgehen und das Image der Polizei leidet noch während der Einsätze so stark, dass sie gefühlt zum öffentlichen Gegner wird. Dies legitimiert in meinen Augen einen Widerstand, dem sich dann evtl. auch auf der Straße Menschen anschließen, die ansonsten auf diese Idee nicht kommen würden.

Wie eingangs schon erwähnt halte ich es für ausgesprochen wichtig, die Dynamiken unserer digitalen Realtime-Kommunikation in die Analyse einzubeziehen. Man wird sonst kein komplettes Bild bekommen, um zu erklären, warum solche Exzesse in einer solchen Wucht entstehen können.

Abschließende Anmerkung: Natürlich ist dies alles nicht die „Schuld“ der sozialen Medien und ihrer Nutzer. Wohl aber spielen sie eine Rolle dabei.

Christian Henne
Digital Business. Speaker & Medienpartner. Strategieberater. Unternehmer. München.
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Showing 2 comments
  • Lutz Hagen
    Antworten

    Danke für den bedenkenswerten Beitrag!

    Kennen Sie die Quellen aller Bilder, die Sie verbreiten? Sollte man zumindest angeben. Ich würde auch nicht hundertprozentig ausschließen, dass es bei dem ikonischen Bild vom Selfie-Hipster/Schwarzblocker um ein Fake handelt.

    Freudlichen Gruß

  • hans wurst
    Antworten

    Da es hier ja auch um die Macht der Bilder geht: Das Bild unter (5) AGGRO POP ART ist nicht vom diesjährigen G20 Wochenende. Es wurde u.a. schon vor vielen Jahren in der taz und im focus veröffentlicht.

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