Facebook Algorithmus – Rolle der Medien wankt!

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Facebook reduziert die Sichtbarkeit von organischen Inhalten! Diese Schlagzeile geistert jedes Jahr neu durch das Land. Letztlich deshalb, weil Facebook immer wieder am Algorithmus schraubt und Dinge testet – zuletzt das komplette Auslisten von Page-Inhalten aus dem regulären Stream.

Seither diskutiert die Branche, was dies für das Marketing bedeutet. Darum soll es mir an der Stelle aber nicht gehen. Vielmehr beschäftigen mich die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Medien-Landschaft und damit auf die Gesellschaft. Denn unter der schwindenden Sichtbarkeit von Page-Inhalten leiden auch die redaktionellen Medien. Ganz praktisch: Ich habe auf Facebook die großen Tageszeitungen wie FAZ, Zeit, SZ und Welt geliked, ich bekomme ihre Inhalte aber so gut wie nicht mehr zu sehen, weil ich mit den Inhalten nicht interagiere.

Ich möchte an ein paar Beispielen deutlich machen, für wie problematisch ich das halte:

(1) Das Korrektiv der Medien fehlt

In der enorm meinungsgetriebenen Welt der sozialen Netzwerke sollten die Medien eigentlich das nötige Korrektiv bilden. Möglichst objektive Darstellung von Fakten. Tiefe Recherche. Kritische Auseinandersetzung. Das sind klassische Aufgaben des Journalismus. Und da in der Medienlandschaft alle politischen Strömungen vertreten sind, ergibt sich das nötige Spektrum. So weit die Theorie.

Wenn Facebook nun aber Inhalte von redaktionellen Facebook-Seiten so gut wie nicht mehr ausspielt, dann fehlt diese Rolle. Der Diskurs wird nur noch von Meinung bestimmt. Und so kann Donald Trump Dinge behaupten, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben, ebenso wie die AfD von Flüchtlingszahlen oder kriminellen Delikten sprechen kann, die völlig unbewiesen sind. Es zählt nicht mehr, dass jemand am Ende schon noch mit den Fakten um die Ecke kommt. Vielmehr darf jeder seine „Fakten“ präsentieren. Nichts ist mehr objektiv.

Die Medien verlieren ihre Gatekeeper-Rolle endgültig. Es gibt keinerlei objektiven Filter mehr für Informationen.

(2) „Aber es wird doch gezeigt, womit Nutzer interagieren!“

Selbst wenn ich unterstelle, dass Facebooks Algorithmus nur nach diesen Kriterien arbeitet: Für sachliche Medieninhalte ist das an sich ein Problem. Denn differenzierte, sachliche Artikel werden weniger Interaktion bekommen als zugespitzte, polemische. Es werden also die Inhalte bevorteilt, die die meiste Empörung oder Zustimmung bekommen. Nun darf sich jeder überlegen, welche Darstellung von z.B. Flüchtlingsthemen mehr Sichtbarkeit bekommen wird. Und wenn das, was sichtbar ist, als einzige „Wahrheit“ verstanden wird, dann kippt das Bild.

Heiko Frischmann aus Hochheim am Main hat von der deutschen Flüchtlingspolitik genug: Er zeigt Angela Merkel und Thomas de Maizière an!

Posted by Lügenpresse on Sonntag, 6. November 2016

 

(3) Ergebnis: Boulevardisierung der Medien

Nun sind Medien auch Wirtschaftsbetriebe. Und sie werden zunehmend in eine Ecke gedrängt, aus der sie sich selbst nicht mehr befreien können. Der Traffic über die sozialen Netzwerke ist wichtig. Also werden vor allem die Headlines im Boulevard-Stil zugespitzt. Da aber lange nicht alle Nutzer die Inhalte klicken, die sie sehen, wird die Meinung alleine durch diese Headlines stark beeinflusst – ganz unabhängig vom Inhalt. Für ein Like oder einen empörten Kommentar würde schon die Headline reichen „Flüchtlinge kommen weiter unkontrolliert über die Grenze“. Im entsprechenden Kontext mag sich diese Aussage relativieren. Nur so auf Facebook gesehen bedeutet sie Gefahr. Die Politik hat nix im Griff. Es hat sich nichts geändert. Keiner tut was. So in etwa kann man sich das in den Köpfen vieler vorstellen. Ähnlich muss man allein die Frage in den Nürnberger Nachrichten bewerten.

Leben Flüchtlinge bei uns besser als Hartz-IV-Empfänger? Wir haben den Check gemacht.

Posted by Nürnberger Nachrichten on Donnerstag, 19. Januar 2017

 

Und leider bleibt es eben nicht dabei, dass sich einzelne diese Meinung bilden. Denn dadurch, dass in den Kommentarspalten viele Leute aufeinandertreffen, entsteht eine Dynamik, in der aus einer persönlichen Einzelmeinung eine Meinung vieler und damit in der eigenen Wahrnehmung plötzlich eine Mehrheit entsteht. Das eigene Bild wird zementiert.

(4) Im Katastrophenfall – keine Sichtbarkeit für die Polizei?

Was passiert eigentlich im Falle eines Terroranschlags? Ist dann der am stärksten sichtbar, bei dem am meisten Interaktion passiert? Leidet die Pressestelle der Polizei, weil die fünfminütigen Updates der Boulevardpresse mit Augenzeugenberichten häufiger kommen und ganz schnell geteilt werden? Will ernsthaft jemand behaupten, dass eine offizielle Mitteilung der Polizei nicht wirklich relevant ist, nur weil die Interaktionsrate nicht stimmt?


Bei der Bedeutung, die Facebook heute besitzt, muss man eine ernsthafte Diskussion darüber starten, ob es von den Betreibern des weltweiten größten sozialen Netzwerks verantwortlich ist, jegliche Inhalte nach rein wirtschaftlichen Kriterien zu sieben. Zwischen einer kommerziellen Markenseite und einem redaktionellen Angebot liegt ein Unterschied. Zu einer behördlichen Quelle erst recht. 

 

Christian Henne
Digital Business. Speaker & Medienpartner. Strategieberater. Unternehmer. München.
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