Twitter: Wie Umgehen mit Rechtsaußen?

 In Allgemein
  • Populisten brauchen Zuspitzung

  • Twitter ist Trägermedium hin zum Journalismus

  • Es gibt auf Twitter keine Deutungshoheit

 

Seit nunmehr zwei Jahren beschäftigt eine Rechtsaußen-Partei die medialen politischen Diskussionen und ist Ursprung der meisten Kontroversen im Social Web zu politischen Themen. Immer wieder wird um den besten Umgang mit dieser Partei gerungen. Ich selbst habe meine Meinung hierzu mehrfach geändert, ist unter anderem in meinen eigenen Social Media Postings nachzulesen. Es ist also alles andere als einfach. Dies vorab.

Nun habe ich auf Twitter dazu aufgerufen, Beiträge dieser Partei konsequent zu ignorieren. Ausgangspunkt war die Freilassung von Deniz Yüzel und die damit einhergehenden Twitter-Beiträge unter Bezug auf diese Partei.

Wichtig ist mir zunächst: Ich spreche hier über Twitter. Ich möchte erklären, warum ich mittlerweile der Meinung bin, dass Ignoranz auf diesem Kanal das beste Gegenhalten ist.


Twitter ist ein Trägermedium

Wer in Marketing und Kommunikation arbeitet, weiß, das Twitter für die direkte Zielgruppenansprache ziemlich unerheblich ist. Die Reichweite im deutschsprachigen Raum ist begrenzt. Oder anders: Twitter geht an der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung komplett vorbei. Vielmehr bildet Twitter eine Brücke hin zum Journalismus und den Massenmedien. In diese Massenmedien kommt, was Resonanz erzeugt. Die Redakteure (oder Monitoring Tools) schauen, was auf Twitter dazu taugt, Aufmerksamkeit zu bekommen. Je stärker diese Aufmerksamkeit ist, um so eher wird die Geschichte redaktionell aufgenommen. Hier geht es zunehmend weniger um journalistische Standards sondern um die reine Ökonomie. Was Klicks und Leser verspricht, wird genommen. Die Frage, was dazu gehört und was nicht, wird heute zum Teil schon maschinell geklärt.

Das weiß auch die Rechtsaußen-Partei. Sie braucht also Kontroversen durch Provokation, um Resonanz zu erzeugen und damit den Weg in eben diese Medien zu finden, um dort dann die breite Bevölkerung zu erreichen. Ob die Partei-Funktionäre ihre Provokationen inhaltlich überhaupt ernst meinen, sei mal dahingestellt. Ich zweifele daran zumindest bei einem Teil der Verantwortlichen, weshalb ich auch nicht glaube, man müsse mit diesen Leuten überhaupt inhaltlich diskutieren. In meinen Augen verfolgt diese Partei bei den Provokationen keine rein inhaltliche Strategie, sie arbeitet vor allem medien-mechanisch.

Nun argumentieren einige, dass diese Resonanz in der rechten Filterblase ja eh da ist und man gegenhalten müsse. Ich glaube aber, dass diese Resonanz in der rechten Twitter-Filterblase in der Regel nicht ausreicht. Vielmehr wird es erst dann relevant, wenn diese Provokationen den Weg aus dieser Blase hinaus in die breite Twitter-Sphäre schaffen. Und wenn ich meinen Stream so anschaue, dann muss ich sagen: Sie schaffen es jedes Mal.


Zuspitzung ist Mittel von Radikalen. Und Triebfeder des Social Webs.

Nun ist Zuspitzung kein exklusives Mittel von politischen Parteien oder auch nur eines bestimmten politischen Lagers. Die politische Auseinandersetzung verläuft fast immer sehr pointiert. Dennoch ist beim rechten Lager deutlich wahrzunehmen, dass populistische Aussagen stark verkürzt und mit einfacher Sprache und starken Worten transportiert werden. Rechtsaußen wirft dabei Politik und Medien gleichzeitig immer wieder vor, nicht unabhängig zu sein, Dinge zu verschweigen, einem bestimmten System zu dienen. Zum Beispiel dann, wenn diese Aussagen aufgenommen und kritisch beleuchtet werden. Dies ist so weit erst einmal unproblematisch für mein Verständnis.

In dem Moment aber, wo eine öffentliche Diskussion in sozialen Medien stattfindet, die NIE – WIRKLICH NIE – nur sachlich ist, beginnt sich der Diskurs zugunsten der Rechtsaußen zu drehen. Denn plötzlich können diese vorbringen, selbst beleidigt zu werden. Sie finden Belege, dass die Gegner Fakten verdrehen, sich widersprechen. Damit ziehen sie die gesamte berechtigte Kritik in Zweifel. Dazu kommt die Emotionalität. Es geht im Social Web nur sehr selten darum, wer Recht hat, wessen Argumente überwiegen. Es geht am Ende fast immer um schwarz oder weiß. Um die Frage, auf welcher Seite man steht. Wer nun selbst zu den „Nazis“ gezählt wird, hat rein emotional fast gar keine Möglichkeit mehr, auf die andere Seite zuzugehen. Eine unüberwindbare emotionale Mauer steht da.

Es findet eine Spaltung statt im Kreise der Diskutanten, die sich Rechtsaußen so besser gar nicht wünschen könnte.

EINSCHUB: Ich selbst kann nach meinem Aufruf nachvollziehen, wie sich das anfühlt. Mir wurde vorgeworfen, mich wie jemand zu verhalten, der diese Partei aus Protest wählt. Man hielt mir vor, mich wie die Deutschen im Nationalismus zu verhalten, die später nichts gewusst haben wollen. Mir wurde elitäres Gequatsche und Nichtstuerei unterstellt. Noch einmal: Dies alles, weil ich im Versuch, den Rechtsaußen Bedeutung zu nehmen, einen sachlichen Vorschlag gemacht habe.


Soziale Medien mit Algorithmen verhindern Deutungshoheit

Medien hatten lange Zeit die Rolle, Aussagen von Politikern oder Parteien auseinanderzunehmen, zu bewerten, zu bestätigen oder zu widerlegen. Dieses System aber wankt. Die früheren Gatekeeper haben ihre exklusive Rolle verloren. Wenn die Rechtsaußen demnächst ihren eigenen Newsroom starten und den direkten Weg an den Medien vorbei zu den Sympathisanten suchen und finden, dann wird es eine besondere Aufgabe für die traditionellen Medien oder neue Medien-Institutionen sein, die Auseinandersetzung zu suchen und mit den eigenen Texten noch zu den Wählern dieser Partei durchzudringen.

Ich gehe fest davon aus, dass wir eine Radikalisierung auch in den Informationen erleben werden, gespickt mit Unwahrheiten, vermutlich sogar bewussten Manipulationen.

Klar ist, dass diese Unwahrheiten und Manipulationen nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Es ist weiterhin Aufgabe des ernsthaften Journalismus, die Fakten zurechtzurücken. Deshalb bin ich auch der Überzeugung, dass diesem traditionellen Journalismus eine ganz entscheidende Rolle zukommen wird in den kommenden Jahren.

Das aufgeregte Teilen von Postings dieser Partei, das Zurückbellen, das viele mit Haltung gleichsetzen, ist aber etwas anderes. Es gibt auf einem Kanal wie Twitter keine Deutungshoheit. Beispiel Rückflug von Deniz Yüzel aus der Türkei. Wenn selbst der Tagesspiegel vermeldet, dass Yüzel in einer Regierungsmaschine die Türkei verlässt, dann kann man nicht aufgeregt anderen Twitter-Nutzern bewusste Lüge vorwerfen, wenn sie dies so posten.

Wichtig wäre eine saubere journalistische Darstellung, ein Dementi im Tagesspiegel selbst, dann gerne auch über Twitter, um die Fakten zu klären (statt stillem Ändern der Texte). Das hat der Tagesspiegel hier leider verpasst. Die Maschine wurde von Die Welt gechartert. Evtl. verbietet es er Wettbewerb, hier zumindest im Nachhinein sauber zu kommentieren. In jedem Fall ist dies nicht hilfreich.

Eines aber ist klar: Auf Twitter gibt es keine Deutungshoheit, keine Wahrheit. Es fliegen zu viele Informationen in Hochgeschwindigkeit durch den Stream. Inhalte mit hoher Resonanz werden algorithmisch gestärkt. Je mehr man also bestimmte Postings kommentiert oder teilt, je mehr Sichtbarkeit bekommen sie. Dabei ist davon auszugehen, dass die meisten Nutzer die Original-Beiträge wesentlich stärker erinnern als die Kommentare dazu.


Lernen von aus Trump!

Diejenigen, die auf die Beiträge der Rechtsaußen-Partei anspringen, argumentieren gerne, dass Ignoranz erst den Nationalsozialismus ermöglicht hätte. Nun bin ich eh der Überzeugung, dass einige den Nationalsozialismus gerade auch ein wenig herbeireden, weil es zumindest in einem Teil der Diskussionen nur noch Nazis und Nazi-Gegner zu geben scheint. Inhaltliche Auseinandersetzung bleibt auf der Strecke. Dies ist aber vermutlich vor allem Ergebnis der extremen Verkürzung im Diskurs in sozialen Netzwerken und der damit einhergehenden schon oben beschriebenen Zuspitzung.

Dennoch muss man sich fragen: Wäre Trump der Wahlkampf ohne soziale Medien leichter gefallen? Hätte er überhaupt Präsident werden können ohne diese Plattformen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Politiker bzw. Parteien dieser Coleur genau diese Kanäle brauchen, auf denen sie ihre Statements abgeben können, ohne dass Journalisten diese Kommunikation durchbrechen bzw. zurechtrücken können?

Nun ist es so, dass diese Rechtsaußen-Partei und ihre Politiker auf Twitter sind und sie dort nicht verschwinden werden. Dennoch muss es in meinen Augen darum gehen, die Reichweite dieser Beiträge zu reduzieren. Dies ist nach meiner Einschätzung am ehesten dadurch zu schaffen, dass man anderen Inhalten mit sachlicher Einordnung zum gleichen Thema mehr Reichweite gibt – letztlich also Irrelevanz durch Verdrängung.

Leseempfehlung dazu. http://stefan-fries.com/2018/02/17/weidel-triggert-erneut-journalisten/

Christian Henne
Gelernter Journalist. Heute Digital Business. Speaker & Medienpartner. Strategieberater. Unternehmer. München.
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