HOW DARE YOU! – Das Risiko der Gesellschaftsspaltung

 In Allgemein

„Die Großeltern sind eh bald nicht mehr, was wollen die mitreden?“ „Omi ist ne Umweltsau.“ So in etwa endet das Jahr 2019 auf Twitter gemessen am Empörungspegel. Nun ist Empörung in sozialen Netzwerken an sich nicht zwingend geeignet, die Substanz von Kritik zu beweisen. Und man kann diskutieren, was Satire ist und wie weit diese gehen kann. Unabhängig davon aber fällt der Zungenschlag auf.

Greta Thunberg und die Umweltbewegung Fridays for Future und weitere Unterstützer haben innerhalb eines Jahres eine riesige Aufmerksamkeit für das wohl wichtigste Thema unserer Zeit hergestellt. Das enorme Engagement der Millionen jungen Menschen bestimmt die politische Agenda. Eine enorme Leistung, die man nicht hoch genug schätzen kann. Davor muss man Respekt haben. Auf der Basis ist echte Veränderung möglich.

Die große Herausforderung aber beginnt jetzt. Aufmerksamkeit in Zeiten sozialer Medien ist wichtig und kann viel bewirken. Sie birgt aber auch enorme Risiken. Das größte Risiko ist das der Spaltung, da soziale Medien immer schwarz-weiß sind und von Zuspitzung leben. Die große Kunst aber beim so wichtigen Klima ist es, möglichst große Gruppen mitzunehmen – in der Politik, in der Wirtschaft und in der Bevölkerung. Denn Umweltschutz wird nur über Mehrheiten gelingen. Das unterscheidet die Politik auch von Aktivisten, denn allein vom Fordern gelingt in demokratischen Systemen keine Veränderung.

Es lässt sich an einigen Beispielen gut darstellen, wo die Herausforderungen liegen.

 

Stadt vs. Land

„Einfach mal das Auto stehen lassen“. Sagt sich für Menschen in einer deutschen Großstadt leicht. In der City macht ein Auto meist gar keinen Sinn. Viele haben gar keines, nutzen maximal Carsharing-Dienste. Für viele Menschen auf dem Land ist das pure Illusion. Ein Blick auf das Netz von Schulen oder Arztpraxen in vielen Regionen unseres Landes zeigt, dass es ohne Auto nur mit enormem Mehraufwand geht. Wenn überhaupt. Da kann die digitalisierte Twitter-Gruppe aus Berlin, Hamburg oder München heraus gerne noch so viel fordern. Die Leute werden das ohne große infrastrukturelle Veränderungen nicht einfach so mitgehen. Es hängt mehr an ihrem persönlichen Lebensumfeld als am Willen.


Jungs vs. alt

“How dare you!” fragte Greta Thunberg in diesem Jahr auf großer Bühne. Die Botschaft ist, dass die Alten die Kinder auf dem Gewissen haben. Und die sagen, man wird die Alten damit nicht davonkommen lassen.

Nun, man kann es durchaus so sehen, dass der enorme Wohlstand der letzten 50 Jahre in den Industrienationen auf Kosten der Umwelt ging. Und man kann sicher auch Ölkonzernen und anderen Absicht unterstellen, um die Gewinne zu maximieren. Ob der Vorwurf an eine ganze Generation, die direkt im Krieg oder kurz danach geboren wurde, aber hilfreich ist, muss bezweifelt werden. Nicht nur, weil diese Generation den heutigen Teenagern den Wohlstand erarbeitet hat, sondern auch, weil man die Frage stellen muss, ob die nachwachsenden Generationen schonender mit den Ressourcen dieser Erde umgehen. Instagrammer reisen rund um den Erdball, um mit Fotos Marketing-Gelder zu kassieren. Die Next Marketing Generation jettet zu Festivals nach Übersee. Die Halbwertzeit von Mobiltelefonen wird immer kürzer, weil der Markt – also die jungen Zielgruppen – immer schnellere Innovationen fordert und junge Menschen bereit sind, dafür immer mehr Geld auszugeben.

Früher waren Autos Statussymbol – heute sind es Apple-Geräte für Tausende von Euros. Lithium, Kobalt oder Nickel für die Akkus wird in Bolivien oder im Kongo von Kindern unter unmenschlichen Bedingungen geschürft. Dies passt so gar nicht zur „Haltung“ in der westlichen Welt. Man kann von daher auch kritisch fragen, wer eigentlich das Leben von wem auf dem Gewissen hat und ob sich die heutige Jugend von diesem Vorwurf freimachen kann.

Letztlich aber wird der gegenseitige Vorwurf keinen Effekt haben. Vielmehr müssen alle Generationen einsehen, dass etwas zu verändern ist. Am besten gemeinsam. Eventuell können die Alten den Jungen dabei eine Hilfe sein. Und andersrum. Und eventuell kommt die junge Generation selbstkritisch auf die Idee, dass E-Scooter nur der nächste Schrotthaufen einer jungen Wohlstandsgesellschaft sind.

 

Reich vs. arm

In diesem Jahr hat Lewis Hamilton darauf verwiesen, wie nötig es ist, die Ressourcen zu schonen. Ein Multi-Millionär, der seit Jahren mit dem Formel1-Zirkus und mehreren Flugzeugen von Kontinent zu Kontinent reist. Nun mag es ehrenwert sein, dass er sich um die Umwelt sorgt und seine Popularität nutzt. Allerdings ist das für ihn auch einfach. Wer über lange Zeit ohne Rücksicht auf die Umwelt Millionen macht, der kann auch sein Gewissen entdecken. Bei seinem Publikum, das auf der Couch vor dem Fernseher sitzt und die meisten Orte, an denen Hamilton war, nur aus dem TV kennt, kommt das womöglich unglaubwürdig rüber. Die persönliche Umweltbilanz von Hamilton dürfte auf Lebenszeit weit schlechter sein als die der meisten Formel1-Fans.

Dies gilt auch für Menschen, die stolz auf ihren Tesla verweisen. Ich respektiere jeden, der auf ein Elektroauto umsteigt. Mit Blick auf die Marktpreise aber ist das für den Durchschnittsbürger hierzulande illusorisch. Allein der Verweis auf einen sauberen Neuwagen geht an der Realität ganz vieler Menschen vorbei. Hier existiert wie in vielen anderen Lebensbereichen auch eine Schere zwischen Menschen mit gutem und solchen mit wenig Einkommen.

Noch deutlicher aber wird es im globalen Vergleich. Während wir in Deutschland wohl den Zenit des Wohlstands erreicht haben, streben andere Nationen gerade auf. Wir, die Jahrzehnte mit Kohle und Öl den westlichen Wohlstand erarbeitet haben, wollen jetzt diesen Millionen Menschen sagen, dass sie das lassen sollen? Glaubt hierzulande ernsthaft jemand, dass die einfach sagen: Gut, Ihr hattet Glück, wir lassen das jetzt mal? Glaubt jemand, dass Politiker mit Aufruf zum Verzicht diese Menschen hinter sich bringen, die gerade bessere Lebensbedingungen erfahren?

Umweltpolitik kann auch Wirtschaftspolitik sein. Daran glaube ich. Deshalb glaube ich auch an die Wirkung von technologischem Fortschritt für das Klima. Ich sehe um ehrlich zu sein keinen anderen Weg.

 

Haltung? Unternehmen müssen Gruppen verbinden

Im Marketing geht es aktuell ganz viel um Haltung. Viele Unternehmen positionieren sich als verantwortungsbewusste Marktteilnehmer. Das ist gut. Ob es dabei eigentlich um mehr Verkäufe geht, ist in meinen Augen irrelevant, weil nichts Negatives. Wichtig scheint mir aber, dass Unternehmen ihre Haltung substanziell ins Geschäfts transferieren. Umweltfreundliche Herstellung und Verpackungen, entsprechende Arbeitsbedingungen – es gibt genügend Möglichkeiten, die über reine Verpflichtungserklärungen hinausgehen.

Die Wirtschaft kann ihre Finanzkraft und ihr Marketing nutzen, um Verhaltensänderungen bei den Verbrauchern herbeizuführen. Dafür aber muss es ernsthaft durchgesetzt werden, positiv kommuniziert und vor allem nachhaltig sein. Wenn die Unternehmen dieses Umweltbewusstsein allein gegenüber ihren Mitarbeitern glaubwürdig vermitteln können, dann wird dies auch Verhaltensänderung nach sich ziehen. Der Weg ist hier recht kurz und vermutlich gar nicht mal so teuer.

Und man würde Gruppen miteinander verbinden. Im Unternehmen und zwischen Unternehmen und Verbrauchern.

 

Satire vs. Statement

„Satire darf alles.“ Zumindest sollte sie ganz vieles dürfen, dies ist Teil unserer freien Gesellschaft. Ob einem jetzt Dieter Nuhr gefällt oder nicht ist dabei eher Geschmacksfrage. Es ist und bleibt deutlich gekennzeichnete Satire, schon allein über das Format. Mir scheint aktuell aber ein Trend einzuziehen, der die Grenzen verwischt.

Satiriker äußern sich ab und an ernsthaft politisch. Dies gilt auch für Dieter Nuhr. Bei der heute show weiß man mit Blick auf die sozialen Medien oftmals nicht mehr, ob dies politische Haltung oder einfach nur Witz ist. Der WDR rechtfertigt sich mit Satire für das Video des singenden WDR Kinderchors, der aber an sich keinen satirischen Anspruch hat.

Das Publikum kann scheinbar zunehmend schlechter trennen zwischen Witz und ernsthafter politischer Äußerung. Die Grenzen lösen sich auf. Folglich kann jedes ernsthafte Statement zu Witz und jede witzige Äußerung zum politischen Statement umgedeutet werden. Eine große Gefahr. Ich würde den Medienmachern dieses Landes von daher ans Herz legen, Witz möglichst deutlich zu kennzeichnen.

 

Journalismus vs. Meinung

Noch auffälliger ist dies bei journalistischen Äußerungen auf Twitter. Mir als studiertem Kommunikationswissenschaftler, der auch ein paar Jahre im Journalismus gearbeitet hat, ist durchaus klar, dass journalistische Meinung ein berechtigtes Genre ist. Dennoch verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass im heutigen Journalismus die persönliche Meinung der Redakteure zu großes Gewicht bekommt und der Ernsthaftigkeit und vor allem der Unabhängigkeit massiv schadet. Ich denke, dies hat maßgeblich mit der Internet-Ökonomie und den sozialen Medien zu tun, in denen die Aufmerksamkeit für Inhalte stark über Zuspitzung und Kontoversen funktioniert. Wir steuern somit aber in eine echte Vertrauenskrise, die Einfluss auf die gesamte Gesellschaft haben wird.

Dies ist für mich nach wie vor eines der größten Risiken der Digitalisierung.

 

Was ist zu tun?

Wir alle müssen dafür sorgen, dass bei allen Forderungen und Nachdruck in der Klimadebatte der Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft nicht verloren geht. Denn Rechtsaußen wartet nur darauf, die Gruppen zu beherbergen, die sich ausgeschlossen fühlen.

Deshalb möchte ich hier zum Schluss deutlich machen: Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist die gesellschaftliche Spaltung beim Umweltthema, das die AfD erstarken lässt und somit den gesamten Prozess abwürgt.

Was ich persönlich tue? Mehr Radfahren. Weniger Fleisch. Weniger Polemik.

In diesem Sinne auf ein gutes Jahr 2020.

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Showing 2 comments
  • Stefan Scheller
    Antworten

    Lieber Christian,
    danke für diese prima Zusammenfassung, die ich zu 100% teile. Da auch ich mit meinem Blog den Anspruch verfolge, genauer hinter die Themen (aus Sicht eines Personalers) zu blicken, freue ich mich daher besonders über Dein Werk hier.
    Herzliche Grüße und einen gelungenen Start in 2020
    Stefan

  • Rüdiger Burg
    Antworten

    Danke Christian Henne! So denke ich auch. Ich wünschte ich hätte die Energie das alles, so wie hier, aufzuschreiben.

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