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Christian Henne https://www.christianhenne.com Die persönliche Seite von Christian Henne Thu, 13 Jan 2022 15:17:33 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.3.14 https://www.christianhenne.com/wp-content/uploads/2015/12/cropped-Portrait_ch-32x32.png Christian Henne https://www.christianhenne.com 32 32 Lernen aus der Pandemie: Data rulez! https://www.christianhenne.com/2022/01/13/corona-pandemie-daten/ https://www.christianhenne.com/2022/01/13/corona-pandemie-daten/#respond Thu, 13 Jan 2022 12:46:43 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=3330 Die Corona Pandemie hat endgültig offengelegt, wie wichtig Daten heutzutage sind, um Entscheidungen treffen und begründen zu können. Deutschland hinkt hinterher. Unternehmen können davon lernen. Wie ist die Inzidenz? Welchen Anteil hat Omikron? Wieviele Geimpfte liegen auf den Intensivstationen? Wieviele Infizierte haben Long Covid Symptome?  Dies sind klassische Fragen der letzten Wochen rund um Corona. […]

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Die Corona Pandemie hat endgültig offengelegt, wie wichtig Daten heutzutage sind, um Entscheidungen treffen und begründen zu können. Deutschland hinkt hinterher. Unternehmen können davon lernen.

Wie ist die Inzidenz? Welchen Anteil hat Omikron? Wieviele Geimpfte liegen auf den Intensivstationen? Wieviele Infizierte haben Long Covid Symptome?  Dies sind klassische Fragen der letzten Wochen rund um Corona. Politik und Wissenschaft haben hierzulande Probleme, diese Fragen valide zu beantworten. Deutschland hinkt bei der Digitalisierung und Datenintelligenz anderen Ländern weit hinterher. Was sind die Kernprobleme? Was muss dringend passieren?


Die Notwendigkeit erkennen!

Zunächst einmal müssen politische Entscheidungsträger verstehen, dass sie in einer solchen Ausnahmesituation, die aller Wahrscheinlichkeit nicht die letzte dieser Art sein wird, ohne faktische Basis Probleme bekommen, Entscheidungen den Bürgern gegenüber glaubwürdig zu vermitteln. Beispiel:

Wenn der bayerische Ministerpräsident oder Herr Tschentscher in Hamburg Zahlen und Grafiken öffentlichkeitswirksam vorlegen, um die Notwendigkeit der Impfungen zu argumentieren, dann sollten diese wasserdicht sein. Wenn der überwiegende Teil der Krankenhaus Patienten keinen geklärten Impfstatus besitzt, dann kann man diese nicht einfach den Ungeimpften zuschlagen, weil es der politischen Agenda dient. Man läuft hier in zwei Probleme hinein: Erstens ist man angreifbar, was das Ziel einer hohen Impfrate gefährdet. Zweitens kommt man evtl. zu Fehleinschätzungen, weil man den Anteil der Impfdurchbrüche nicht einschätzen kann und dann bei politischen Interventionen evtl. falsch entschiedet. Auf jeden Fall gefährdet man das Vertrauen in die politischen Entscheidungen.

Bei der heutigen Transparenz gibt es immer jemanden, der Zahlen prüft. In diesem Fall war das vor allem Tim Röhn von der Welt. Egal, wie man das inhaltlich einschätzt. Es ist gut, dass Medien diese Rolle wahrnehmen. Das ist ihre Aufgabe. Sie zwingen damit Politik zu mehr Sorgsamkeit und Genauigkeit.

Nun unterstelle ich Markus Söder und anderen hier keine Absicht sondern beste Motive. Ich gehe auch davon aus, dass sie von der Richtigkeit ihrer Aussagen überzeugt waren, denn diese basieren ja auf gelieferten Daten von RKI, DIVI & Co. Fakt aber ist, dass die Datenbasis ist an ganz vielen Stellen viel zu schwach ist. Warum?


Gesundheitssystem und Verwaltung digitalisieren!

Unser Gesundheitssystem und die öffentliche Verwaltung sind nicht oder nicht ausreichend digitalisiert. Die Datenerfassung und Datenübermittlung laufen zu Teilen auf Papier.

Beispiel 1: Infektionszahlen werden per Fax verschickt. Ohne Menschen funktioniert das nicht. Daraus resultieren Meldeverzug an Wochenende und Feiertagen. Wer will den Mitarbeitern verdenken, auch mal Pause zu machen? Das Drama ist, das in unserer heutigen digitalen Welt nicht längst Systeme diese Arbeit zu großen Teilen übernehmen, so dass ich wesentlich unabhängiger von der Personalstärke werde. Das wäre auch Teil des Infektionsschutzes, weil weniger menschliche Kontakte eben auch weniger Ansteckungsrisiko bedeuten.

Beispiel 2: Bei Infektionsverdacht wird zeitnah PCR Test gemacht. Das geht schnell. Dann dauert es, ehe die Ergebnisse des Tests über die Gesundheitsämter zum Getesteten kommen. Meistens nicht, weil das Testergebnis nicht da wäre, sondern weil der Kommunikationsweg so steinig ist. Teilweise vergehen 5 Tage. In dieser Zeit war diese Person mit so vielen Menschen im Kontakt, dass die Nachverfolgung komplett hinfällig wird. Die Quarantäne übrigens auch.

Hier braucht es klare Prozesse mit möglichst starker Automatisierung. Dies wird nur mit einer konsequenten Digitalisierung gelingen. Institutionen müssen vernetzt werden. Kommunikationsstandards müssen etabliert werden. Datenschutz ist ein Thema, zum Beispiel auch mit Blick auf die Corona Warn App. Aber nicht überall steht der Datenschutz im Weg.


Datenintelligenz aufbauen

Nahezu täglich sehen wir im Netz Modellierungen. Das RKI legt regelmäßig Berechnungen vor. Die Modellierungen zur Welle im Herbst 2021 waren erstaunlich genau. Wenn solch zentrale Institutionen seriöse Voraussagen machen, dann baut das Vertrauen auf. Für politische Entscheidungen ist dies eine ganz entscheidende Grundlage. Wichtig ist nur, dass diese Modellierungen nicht missbraucht werden, um im Nachhinein Evidenz für die bereits erfolgten Entscheidungen zu liefern.  Es muss genau andersrum sein: Wissenschaft liefert die Evidenz, nach denen Politik entscheidet.

Quelle: RKI, 22.07.2021

Man kann alles modellieren und dabei gibt es je nach Annahmen ein riesiges Spektrum. Wichtig ist, von Annahmen auszugehen, die bereits ein Stück weit belegbar sind. Schwierig wird es, wenn jede noch so kleine Studie unabhängig von der Methodik übernommen wird. Diesem Problem unterliegt auch der neue Gesundheitsminister.

Beispiel: Mit Aufkommen der ersten Omikron Fälle in Südafrika wurde zunächst über eine größere Anzahl von Kindern in Krankenhäusern berichtet. Karl Lauterbach warnte schnell vor einem erhöhten Risiko für Kinder durch Omikron. Dabei gibt es einen Unterschied, ob Kinder wegen Omikron eingewiesen wurden – oder aus ganz anderen Gründen und bei ihnen auch eine Infektion mit Omikron festgestellt wurde. Gleiches gilt für Erwachsene.

Bislang hat sich durch diverse Studien ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für alle Altersgruppen durch Omikron nicht bestätigt. Im Gegenteil, es wurde ein deutlich geringeres Risiko nachgewiesen. Dies hat Einfluss auf politische Entscheidungen. Zum Beispiel für die Dauer der Quarantäne. Der Gesundheitsminister verspielt hier Vertrauen mit vorschnellen Einschätzungen. Hilfreich wäre eine zentrale Stelle, die Daten bewertet und zu den richtigen Ableitungen kommt. Das kann das RKI sein oder auch ein Expertenrat. Auf diese sollten sich politische Entscheidungsträger dann stützen.

Hier geht es eher um Substanz als um Schnelligkeit.


Von anderen lernen. Und investieren!

Andere Länder sind hier deutlich weiter. In UK werden die Tests beispielsweise deutlich besser sequenziert. Dort kannte man den Anteil der Delta Variante weit vor Deutschland. Gleiches gilt für Omikron. Während Deutschland andere Länder mit guter Sequenzierung zu Risikogebieten machte, verbreitete sich Omikron bei uns, ohne dass es irgendwo Zahlen zum Anteil gegeben hätte. Bis zum Jahresende war Deutschland bezüglich Omikron quasi im Blindflug, inkl. der oben beschriebenen Meldeverzögerungen.

Hier gilt es, von anderen zu lernen. Und Gelder freizumachen für die Digitalisierung und Datenintelligenz. Dies ist eine Aufgabe für das Gesundheitsministerium um Herrn Lauterbach und das Ministerium für Digitales und Verkehr um Volker Wissing.


Ausblick Long COVID

Besonders relevant dürfte das für das Thema Long COVID sein. Es muss davon ausgegangen werden, dass Hunderttausende in Deutschland in den nächsten Jahren an lang anhaltenden Symptomen der Corona Infektion leiden werden. Wie hoch der Anteil genau ist, ist aktuell schwierig zu beziffern. Ob die Symptome wieder verschwinden, bei welchem Anteil, ist offen. Klar aber ist, das Long Covid für die Sozialkassen eine große Herausforderung sein wird. Es braucht Investitionen in Studien für Medikamente, in Therapien, Reha und Wiedereingliederung oder anhaltende Absicherung.

Politik reagiert auf Zahlen. Von daher muss aus meiner Sicht ein Long Covid Register aufgebaut werden, das Betroffene erfasst. Dies ist bei einer diffusen Symptomatik nicht ganz einfach. Es ist aber notwendig, um davon ausgehend über Maßnahmen und Gelder entscheiden zu können. Damit muss jetzt begonnen werden. Das Thema ist da. Es bewegt sich bisher nur unter einer gläsernen Decke, weil keine Daten erfasst sind.


Was Unternehmen lernen können

Was für die Politik und Verwaltung gilt, gilt auch für die Wirtschaft. Unternehmen verfügen heute über eine Vielzahl an Daten. Im Vertrieb, in Marketing und Kommunikation, in der Produktentwicklung. Aus Erfahrung vieler Datenprojekte der letzten Jahre mit dem MUNICH DIGITAL INSTITUTE kann ich aber sagen, dass dort zu großen Teilen gleiche Probleme herrschen.

  1. Daten liegen dezentral.
  2. Bereiche sind nicht verbunden. Daten damit teilweise nicht nutzbar.
  3. Es fehlt an Datenkompetenz und Lust auf Umgang damit.
  4. Es gibt keine attraktive Aufbereitung.
  5. Daten werden nicht zusammengeführt und modelliert für nutzbare Aussagen und Zukunftsplanungen.
  6. Durch fehlende Kompetenz entstehen Fehlinterpretationen.
  7. Daten werden häufig über Tabellen verwaltet. Es gibt keine Automatisierung und ständige Aktualisierung. Ergo: Es fehlt der Mehrwert.

Aus all diesen Punkten kann es nur eine Konsequenz geben: Den Aufbau einer zentralen Business Intelligence (BI) mit entsprechenden IT-Systemen. Der Start kann ein Pilotprojekt sein in einem Bereich, in dem der Use Case besonders klar ist. Von dort aus kann man weitermachen.


2022 – das Jahr der Daten!

Aus meiner Sicht muss 2022 das Jahr der Daten werden. Niemals zuvor wurde die Notwendigkeit so deutlich wie jetzt durch Corona. Politik, Verwaltung, Unternehmen müssen erkennen, dass Datenintelligenz organischer Teil einer Digitalisierungs-Strategie ist. Es wird höchste Zeit, das Thema ernsthaft anzugehen!

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Gesund in Corona-Zeiten: Über Symbolik, Gerechtigkeit und Freiheit. https://www.christianhenne.com/2021/01/20/corona-freiheit/ https://www.christianhenne.com/2021/01/20/corona-freiheit/#respond Wed, 20 Jan 2021 11:42:50 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1303 Lockdown. Kontaktreduktion. Risikominimierung. Das sind die Schlagworte der letzten Monate. Das ganze Land ächzt unter der Corona-Pandemie. Die Infektions- und Todeszahlen sind nicht da, wo wir alle sie gerne hätten. Damit wird zunehmend die Frage gestellt, wer daran eigentlich Schuld ist. Die Politik? Corona-Leugner? Unvernünftige Sportler? Kinder? Niemand weiß es, weil die Kontaktnachverfolgung nicht funktioniert. […]

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Lockdown. Kontaktreduktion. Risikominimierung. Das sind die Schlagworte der letzten Monate. Das ganze Land ächzt unter der Corona-Pandemie. Die Infektions- und Todeszahlen sind nicht da, wo wir alle sie gerne hätten. Damit wird zunehmend die Frage gestellt, wer daran eigentlich Schuld ist.

Die Politik? Corona-Leugner? Unvernünftige Sportler? Kinder? Niemand weiß es, weil die Kontaktnachverfolgung nicht funktioniert. Wir tappen ziemlich im Dunkeln.

Bevor ich in einige Aspekte einsteige, möchte ich eine grundsätzliche Vorbemerkung machen: Ich habe größten Respekt vor allen politischen Entscheider:innen. In einer solchen Lage kann man nicht allen gerecht werden. Ich unterstelle allen, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Dies trifft aber ebenso auf die allermeisten Menschen in diesem Land zu. Ich werde hier also keine Vorwürfe an bestimmte Gruppen machen – die echten Verharmloser mal außen vorgelassen.

Seit dem Beginn der Pandemie lese ich aber genau solche Vorwürfe täglich. Schuld sind immer die anderen. Wer genau, wird nicht gesagt, man weiß es ja auch nicht. Von daher möchte ich ein paar Dinge beleuchten, die meiner Meinung nach wichtig sind. Ich werde dabei immer mal wieder Bezüge zu unserer Familie herstellen.


Corona ist ernst.

Für mich ist völlig unstrittig, dass von Corona eine große Gefahr für die Gesundheit ausgeht. Ich habe im familiären Umfeld Menschen, die infiziert waren, teilweise mit Long Covid Symptomatik. Ich verstehe die Angst vieler Menschen vor diesem Virus. Jede Infektion ist eine zu viel, jeder Todesfall sowieso. Wer heute noch von Grippe redet, hat sich von der Realität entkoppelt. Wer sich darüber lustig macht, teilweise durch die Straßen tanzt, spuckt den Menschen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ins Gesicht und verhöhnt die Opfer. Da gibt es nichts zu relativieren.

Ich versuche, meinen Beitrag zu leisten. Meine Mitarbeiter:innen sind seit Frühjahr 2020 fast durchgängig im Home Office. Ich habe zuhause Schnelltests und reichlich FFP2 Masken. Meine Kontakte reduziere ich aufs allernötigste.


Risikoabwägung.

Dennoch ist auch Corona ein Thema für die Risikoabwägung. Das Leben besteht nicht nur aus der Infektionsgefahr, so hoch diese auch sein mag. Soziale, materielle Aspekte müssen eine Rolle spielen. Klar ist, dass unterschiedliche Menschen die Risiken unterschiedlich bewerten, je nach Lebenssituation. Eine junge, gesunde Unternehmerin wird das Risiko einer Erkrankung möglicherweise anders einschätzen als ein 70jähriger Rentner. Während letzterer per se stärker mit der eigenen Gesundheit befasst ist, kümmert sich die Unternehmerin auch gedanklich stärker ums Geschäft, um die Existenz für die Familie. Sie wird also ein relevantes Risiko auch darin sehen, dass das Geschäft nicht überlebt, sie ihren Kindern nicht das bieten kann, was sie sich vorstellt. Dies ließe sich fortführen für Angestellte, Beamte, Spitzensportler:innen, etc. Unterschiedliche Lebenssituationen = unterschiedliche Risikobewertung.

Es ist klar, dass damit auch eine unterschiedliche Akzeptanz für die Interventionen einhergeht. Gar nicht grundsätzlich, sondern bezogen auf einzelne Maßnahmen. Wer nicht feiert, kann leicht Feiern verbieten. Wer kein Geschäft hat, kann leicht Einzelhand schließen. Wer keine Kinder hat, kann leicht KiTa und Schule schließen.


Kinder.

Ich denke, bei Kindern wird es besonders deutlich. Alle Eltern wollen das Beste für Ihre Kinder. Sie wissen, dass neben dem Infektionsrisiko das Lernen in der Schule, der Kontakt zu Gleichaltrigen, aktive Bewegung sehr wichtig sind für eine gute Entwicklung. Ich selbst habe 3 Kinder zwischen 5 und 10 Jahren. Ich lese viel zum Infektionsgeschehen in dem Alter, aber auch zur Wichtigkeit von Schule und sozialer Einbindung. Es ist aktuell nicht möglich, den Kindern auf all diesen Ebenen – die alle für sich enorm wichtig sind – gerecht zu werden. Das Leben ist im Moment ein einziger großer Kompromiss.

Während wir im Frühjahr und Herbst unsere Kinder guten Gewissens in Schule und KiTa gelassen haben, betreuen wir unsere beiden Grundschüler nun komplett im Homeschooling. Wir vermeiden die Notbetreuung nur aus einem Grund: Die auftauchenden Mutationen und erste Analysen machen uns unsicher, was das Risiko in der Altersgruppe angeht. In der Notbetreuung ist die Menge an Kontakten so hoch, dass wir das Gesundheitsrisiko höher gewichten als die benannten sozialen Folgen. Bei unserem Jüngsten aber entscheiden wir anders: Ihn geben wir in die Notbetreuung der KiTa, weil es unseren beiden Größeren nicht möglich ist, zuhause zu lernen, während der Kleinste da ist. Zudem sehen wir, wie schwierig es für den Kleinen ist, ohne gleichaltrige Freunde in der Kita. Hier gewichten wir die Negativfolgen insgesamt höher als das Infektionsrisiko. Ich gehe davon aus, dass andere Eltern das anders bewerten. Ist für mich völlig ok.

Es ist eine Abwägung, ein Kompromiss. Nicht perfekt. Für uns aber vertretbar und so die bestmögliche Lösung.


Sport und Bewegung.

Die dauernde Homeschooling Situation bringt uns ständig an unsere Grenzen. Meine Frau und ich arbeiten beide, weil wir dem materiellen Druck mit drei Kindern in der Region München gerecht werden müssen. Dies ist im Prinzip alternativlos.

Diese dauernde Drucksituation einer im Prinzip isolierten Familie müssen wir punktuell entfliehen. Und mit „wir“ meine ich Eltern wie Kinder. In meinem Fall ist das Sport. Zum Großteil auf der Fahrradrolle im Keller. Teilweise renne ich durch den Wald. Aktuell bei Schnee gehe ich auf die Langläufer.

Mit den Kindern sind wir momentan viel beim Rodeln direkt bei uns am Ort. Man merkt, wie groß der Bedarf ist. Ich habe letztens in einem Clubhouse Talk von einem Verbandsvertreter gehört, dass der Anteil an Sport für Kinder während der Pandemie um ca. 50% zurückgegangen ist. Man geht davon aus, dass die Sportvereine 10% der Kinder bereits verloren haben. Die kommen schlichtweg nicht mehr zurück. Ich halte das für dramatisch.

Und auch hier sind wir wieder bei Abwägung. Ich bin der Meinung, man kann radfahren, joggen, langlaufen und rodeln, wenn man sich denn nur entsprechend verhält. Alpines Skifahren, Schwimmbad & Co. hielte ich dagegen wieder für zu gefährlich.


Der Rodelhang.

Es geht nicht um Winterberg. Aber es geht um Polizei am Rodelhang. Fotos von rodelnden Kindern in sozialen Medien mit der entsprechenden Aufregung. Ich habe damit große Probleme. Für Kinder ist das Schlittenfahren etwas völlig unproblematisches, etwas unbeschwertes. Kinder an sich sind in dieser Pandemie unbeteiligt. Sie können nichts entscheiden, für und über sie wird entschieden. Sie sind gleichzeitig aber diejenigen, die am meisten leiden. Mit Blick auf viele Diskussionen habe ich den Eindruck, einige Erwachsene haben ihren Kinderblick verloren. Kinder werden zu Maschinen bzw. es wird von Eltern verlangt, sie so zu behandeln.

Hier möchte ich entschieden intervenieren. Ich denke, viele begreifen nicht, welche Nachteile für Kinder aus dieser monatelangen Situation entstehen. Man muss das in meinen Augen berücksichtigen. Ich muss als Vater sowohl das Infektionsrisiko als auch andere Negativfolgen berücksichtigen, wenn ich das beste für meine Kinder will. Das kann dazu führen, dass ich sie nicht in die Schule gebe, dafür aber das Rodeln für gut halte. Denn am Ende zählt für die Gesamtrechnung: Was ist vertretbar? Was hat insgesamt möglichst die geringsten Negativeffekte.


Symbolik und Gerechtigkeit.

In diesem Zuge möchte ich etwas zur ab und an zitierten Symbolik sagen. Ich verstehe, dass Kinder an einem Rodelhang ein Bild erzeugen, welches nahelegt, dass man sich nicht oder wenig an Kontaktbeschränkungen hält. Ebenso wie Profifußball das Gefühl vermittelt, dass eine Elite etwas darf und andere nicht.

Wir sprechen hier aber nach wie vor über massive Eingriffe in Bürger- und Freiheitsrechte. Es geht nicht darum, dass die Politik bestimmten Menschen etwas erlaubt. Es geht darum, dass die Politik bestimmten Menschen unter bestimmten Bedingungen gewisse Dinge nicht mehr verbietet. Das ist ein großer Unterschied.

Ausgehend von dieser Sichtweise bin ich dafür, dass Menschen in Gebieten mit niedriger Inzidenz mehr dürfen als in Gebieten mit hoher. Ich meine, dass Geimpften weniger verboten werden sollte als Nicht-Geimpften. Ich glaube, dass Profifußballer mit einer hohen Testdichte ihrem Berufssport nachgehen können, ich es der breiten Masse aber gleichzeitig untersagen kann.

Hier hilft Symbolik nicht. Der Wunsch nach Gerechtigkeit wäre in dieser Pandemie gleichbedeutend mit Gleichmacherei. Und damit mit Freiheitsverlust für uns alle. Das mögen dann viele als gerecht empfinden, aber um den Preis der Freiheit. Von daher werbe ich dafür, der Symbolik keine allzu große Bedeutung zu schenken sondern im Detail zu schauen, was wirklich problematisch ist.


Politische Rhetorik.

Ich sehe mit großer Sorge, welche Rhetorik teilweise von politischer Seite aufgebaut wird, gerade in Bayern. Ende letzten Jahres drohte Markus Söder mit „einsamen Weihnachten“. Dann ist von verschärften Kontrollen die Rede. Davon, dass „wir“ nicht genug tun. Nur wer genau nicht genug tut, wer das Infektionsgeschehen treibt, das weiß niemand. Von daher wird die Schrotflinte rausgeholt und mit „Kontaktreduktion“ ziemlich wild herumgeschossen. Keine Differenzierung, keine Begründung, keine Kreativität.

Dies erhöht den Druck auf die Bevölkerung massiv. Und diese äußert sich in Denunziationen oder Ungehorsam. Beides nicht hilfreich. Gesellschaftlich bricht da etwas auseinander. Ich würde mir hier von politischer Seite wesentlich mehr Integrierendes, Motivierendes wünschen. Scheinbar sind Markus Söder & Co. aber der Überzeugung, dass man den Menschen über Angst und Drohung besser beikommt. Mir als Liberalem dreht sich da der Magen rum, so sehr ich auch die Intention verstehe, den Ernst der Lage immer wieder klarmachen zu wollen.


Verantwortung und Freiheit.

Am Ende geht es nur mit Verantwortung. Vor allem mit Eigenverantwortung. Ich wünsche mir, dass wir viel weniger über die anderen reden, die etwas falsch machen, die Schuld sind, als vielmehr auf uns selbst schauen und uns möglichst verantwortlich verhalten. Für uns selbst, aber auch für Gesellschaft insgesamt.

Denn eines steht auf dem Spiel: Die Freiheit. Diese fängt im Kopf an. Wenn wir anfangen, anderen ihre Freiheiten abzusprechen, weil wir es für gerecht halten, dann haben wir alle verloren. Für mich liegt der Schlüssel darin, mit größtmöglicher Eigenverantwortung selbst einen Beitrag zu leisten, dass möglichst alle bald wieder freier leben können. Das betrifft zukünftig auch die Impfungen.

Mit dieser Sichtweise ist es möglich, Kinder nicht in die Schule zu schicken, wohl aber in die KiTa. Mit dieser Einstellung ist es möglich, auf den Rodelhang oder die Loipe zu gehen, nicht aber an den Skilift. Mit dieser Einstellung ist es zukünftig möglich, geimpften Menschen ihre Freiheiten zu gönnen, auch wenn ich darauf noch warten muss. Ich mag das nicht als gerecht empfinden. Mir ist die persönliche Freiheit eines jeden einzelnen aber wichtiger. Das sollte unser Antrieb sein. Ansonsten bleibt zu viel auf Strecke.

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https://www.christianhenne.com/2021/01/20/corona-freiheit/feed/ 0
Digitalisierung & Transformation: Mindset for the win! https://www.christianhenne.com/2020/09/23/digitalisierung-mindset/ https://www.christianhenne.com/2020/09/23/digitalisierung-mindset/#respond Wed, 23 Sep 2020 11:33:21 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1283 Ich habe vor einigen Tagen ein Posting auf LinkedIn veröffentlicht, in dem ich mich mit dem richtigen Mindset beschäftigt habe, das nötig ist, um technologische Veränderungen durchzusetzen. Dabei habe ich die Nike Prinzipien aus der Gründungszeit verlinkt. Es gab viel Zustimmung, aber auch etwas Widerspruch. Die Diskussion ist in meinen Augen wirklich wichtig. Man wirft […]

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Ich habe vor einigen Tagen ein Posting auf LinkedIn veröffentlicht, in dem ich mich mit dem richtigen Mindset beschäftigt habe, das nötig ist, um technologische Veränderungen durchzusetzen. Dabei habe ich die Nike Prinzipien aus der Gründungszeit verlinkt. Es gab viel Zustimmung, aber auch etwas Widerspruch.

Die Diskussion ist in meinen Augen wirklich wichtig. Man wirft gerade deutschen Unternehmen gerne vor, nicht das richtige Mindset zu haben und feiert stattdessen Firmen wie Tesla, Apple oder Amazon. Die Gründer dieser Unternehmen haben es geschafft, Märkte aufzubrechen, ebenso wie Nike. Und man kann sich wohl darauf einigen, dass sie dies auch aufgrund ihrer Kompromisslosigkeit und Zielstrebigkeit schafften.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal vertiefend mit jedem einzelnen Nike Prinzip befassen, damit es nicht missverständlich ist. Ich gebe zu jedem Prinzip meine Interpretation:

Our Business is change.

Der Satz ist unmissverständlich. Da gibt es in der Digitalisierung sicher wenig Widerspruch. Dennoch ist wichtig zu verstehen, was drin steckt. Nämlich der Anspruch, wirklich nachhaltig etwas zu verändern und damit groß zu denken. Die Digitalisierung ist kein kleines Marketing-Projekt. Es geht um substanzielle Themen, um völlig neue Wege. Nur mit dieser Überzeugung wird es möglich sein, das große Rad zu drehen und nicht nur an kleinen Hebeln zu drücken.

Gleichzeitig hat man bei technischen Entwicklungen aber die Herausforderungen, in kleinen Schritten vorwärts zu gehen, agil zu arbeiten. Das ist meine klare Überzeugung, sonst bleiben viele Projekte auf der Strecke. Strategisch gesehen aber braucht es klare und große Zielformulierungen. Sonst kann ich nichts transformieren und komplett neu denken.

We’re on offense. All the time.

Die Digitalisierung ist ein Hochgeschwindigkeits-Rennen. Die technische Entwicklung beschleunigt sich immer mehr. Es bleibt wenig Zeit, durchzuatmen. Es sind vor allem die erfolgreich, die nach vorne denken, Chancen suchen, offensiv agieren. Genau so müssen Unternehmen auch ihre Mitarbeiter befähigen – mit Kompetenz, aber auch mit Budget. Es muss also immer ein Anteil „Risiko-Kapital“ bereitliegen, um vorwärts zu kommen. Unternehmen haben dies zuletzt mit ausgelagerten Labs probiert oder mit Inhouse Agenturen. Beides ersetzt für mich aber nicht das eigentliche Thema: Eine offensive Denke im Zentrum.

Perfect results count — not a perfect process. Break the rules. Fight the law.

Schwieriges Thema für uns Deutsche. Wir lieben es, alles abzuklopfen und Probleme zu identifizieren.  Wir möchten gerne alle involvieren und gleichzeitig unsere Bedenken teilen. „Alle mitnehmen“ wie es so schön heißt.

Darf ich ehrlich sein? Ich glaube daran nicht. Ich meine, dass eine Mannschaft immer dann erfolgreich ist, wenn man sie richtig zusammengestellt ist und man sie dann machen lässt.

Thema Regeln brechen oder sich über Gesetze hinwegsetzen. Ich nehme ein Beispiel: In der Corona-Zeit haben Schulen ein riesiges Problem gehabt, auf Homeschooling mit digitalen Lernmethoden umzustellen. Ein Thema war dabei die Frage, über welche Plattformen Lehrer und Kinder in Kontakt kommen können. Manche Lehrer haben auf Eigeninitiative Skype, Dropbox oder Teams genutzt, andere das komplett abgeblockt. Manche Schulen haben für die Nutzung von Teams eine offizielle Erlaubnis erteilt, andere nicht. Immer war das Problem der Datenschutz.

Hätten alle Lehrer und Schulen nur danach entschieden, was wirklich datenschutzrechtlich sicher und erlaubt ist, hätten wir vermutlich bis heute kein funktionierendes Homeschooling. Das Gegenteil ist aber passiert. Dadurch, dass Einzelne in die Offensive gegangen sind, wurde Druck auf die Politik ausgeübt, Dinge zu ermöglichen. Und dies schnell. Offensive und auch das Hinwegsetzen über Regelungen haben hier Veränderung bewirkt, nicht das Abwarten auf zentrale Entscheidungen.

Ich denke, das lässt sich gut auf Unternehmen übertragen. Allein beim Thema Datenschutz.

This is as much about battle as about business

Das würde ich so heute nicht übernehmen, auch wenn es für eine Sportmarke nochmal etwas anders eingeschätzt werden kann.

Assume nothing.
Make sure people keep their promises.
Push yourselves push others.
Stretch the possible.

Hier würde ich jedes Wort unterstreichen. Veränderungen muss man sich selbst erarbeiten, sie kommen nicht von alleine. Die Realitäten ändern sich in der digitalen Welt sowieso schnell. Der Wettbewerb ist groß, von immer neuen Teilnehmern am Markt. Sagen wir so: Man bekommt nichts geschenkt. Deshalb müssen sich MitarbeiterInnen in Projekten selbst antreiben, um damit wiederum Antrieb für KollegInnen zu schaffen. Dies kann man vermutlich am ehesten mit Training und Wettkampf im Sport vergleichen.

Es gibt im Projektmanagement mittlerweile Prinzipien, die dafür sorgen, das Versprechen gehalten werden. Die aus der Software Entwicklung bekannten agilen Modelle mit Sprints und User Stories sind genau so angelegt, dass große Projekte in kleine Aufgaben zerlegt werden und diese dann unverrückbar erfüllt werden. Damit erhöht man die Wahrscheinlichkeit ganz wesentlich, dass Aufgaben erlegt werden.

Stretch the possible. Diese Haltung gefällt mir gut. Denn echte Veränderung passiert nicht in dem, was vorhersehbar ist. Vielmehr entstehen auf dem Weg Möglichkeiten, die nicht zwingend kalkuliert waren. Deshalb haben auch Design Thinking Ansätze gerade bei Technologie-Themen ihre Bedeutung. Das Endergebnis ist ein Stück weit offen. Es bleibt Raum für Neues.  

Live off the land

Ich übersetze das hier mit „mit wenigen Mitteln zurechtkommen“ bzw. „aus allem etwas machen“. Das habe ich in meiner Nike-Zeit übrigens wirklich gespürt. Es gab einfach die Überzeugung, auch mit wenig Budget und viel persönlicher Überzeugung und Kreativität was tolles bewegen zu können. Das ist in der Tat Mindset. Man hört heute öfter von Unternehmen: „Ja, wir sind ja aber nicht Nike oder Coca-Cola“ oder „Dazu fehlt uns das Budget“.

Viele tolle digitale Ideen haben klein angefangen, die Gründerstories in Garagen sind bekannt. Und auch Nike hat mal klein angefangen. Heute ist mit Kreativität und offensivem Denken viel möglich und große Budgets allein machen gar keinen Erfolg. Für mich ein wichtiges Prinzip.

You job isn’t done until the job is done.

Okay, zugegeben. Das klingt nach Druck. Nach knallhartem Leistungsprinzip. Ich würde es so formulieren: Wenn ich es schaffe, intern ein positives, dynamisches Klima, eine solche Begeisterung und zu kreieren, dann wird sich dieses Prinzip ein Stück weit von selbst durchsetzen. Es hat aber auch seine Grenzen. Unternehmen wie Nike, Tesla oder Apple können allein über ihre Marke Mitarbeiter anziehen, zumal die Station auch später Erfolg verspricht. In Zeiten von Fachkräftemangel aber kann das lange nicht jedes Unternehmen. Es hängt ja auch etwas an der Branche. Ziel muss also eine möglichst intrinsische Motivation sein. Das fängt schon bei der Personalauswahl an.  

Dangers:
Bureaucracy
Personal ambition
Energy takers vs. energy givers
Knowing your weaknesses
Don’t get too many things on the platter

Im Steno-Stil:
Bürokratie? Ja, im Regelfall ein großes Problem.
Karrieredenke? Ja, wirkt demotivierend auf MitarbeiterInnen. Es entsteht keine Gruppendynamik.
Wer macht mehr? Diese Frage sollte nicht aufkommen.
Schwächen kennen? Immer wichtig. Auch um zu erkennen, was nicht geht.
Fokussieren? Unbedingt! Für mich mit das wichtigste. Kernaufgaben definieren und dann los!

9. It won’t be pretty.

Ich hoffe doch. Heute würde man wohl sagen:“ Smart.“

10. If we do the right things we’ll make money damn automatic.

Kann man von zwei Seiten sehen.

Variante 1) Wenn etwas funktioniert, dann wird man damit auch Geld verdienen.
Variante 2) Nur weil etwas funktioniert, verdient es noch lange kein Geld

Ich stehe dazwischen. Ich denke schon, dass der wirtschaftliche Erfolg ein Stück weit automatisch kommt, wenn ich Dinge entwickle, die funktionieren. Auf der anderen Seite aber steht der Business Case. Ganz praktisch: Nur weil ein Bot funktioniert, heißt das nicht, dass Kunden oder Mitarbeiter ihn stark frequentieren, dass er einen Mehrwert darstellt. Es muss also auch bei Digitalthemen abgeklopft werden, wo eine Lösung wirklich Verbesserungen und Effekte bringt.

Eigentlich profan. Und doch so wichtig in immer technischer werdenden Zeiten.

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Haltungsübung: Was Unternehmen vom Fall Siemens lernen können https://www.christianhenne.com/2020/01/13/siemens-adani-kaeser-fff/ https://www.christianhenne.com/2020/01/13/siemens-adani-kaeser-fff/#comments Mon, 13 Jan 2020 10:42:08 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1243 Haltung. Eines der vermutlich meistgenutzten Wörter 2019 im Social Web rund um Unternehmen. Diese sollen ihrer Verantwortung gerecht werden, Farbe bekennen. Bei Integration, bei Gleichberechtigung, beim Klima. Klingt gut und richtig. Siemens‘ CEO Joe Kaeser hat in den letzten zwei Jahren dadurch eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erreicht, dass er auf Twitter zu gesellschaftlichen […]

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Haltung. Eines der vermutlich meistgenutzten Wörter 2019 im Social Web rund um Unternehmen. Diese sollen ihrer Verantwortung gerecht werden, Farbe bekennen. Bei Integration, bei Gleichberechtigung, beim Klima. Klingt gut und richtig.

Siemens‘ CEO Joe Kaeser hat in den letzten zwei Jahren dadurch eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erreicht, dass er auf Twitter zu gesellschaftlichen und politischen Themen direkt Stellung nahm. Dabei hat er klar Position bezogen, was ihm viel Applaus einbrachte.

Aktuell steht Siemens unter Druck, weil der Konzern am Neubau des Kohlekraftwerks des indischen Betreibers Adani in Australien beteiligt ist. Australische Klimaaktivisten, Fridays for Future und auch Greta Thunberg haben von Siemens öffentlich den Rückzug von diesem Auftrag gefordert.

Nun ist eine Kritik an der AfD zu Integrationsfragen inhaltlich erst einmal recht weit weg von der Klimadiskussion. Im Social Web aber mischen sich diese Themen, weil bestimmte Positionen politischen Lagern zugerechnet werden. Eine Kritik an der AfD heißt in der Logik vieler eben auch offensiver Klimaschutz. Damit steht der Siemens CEO und damit sein gesamtes Unternehmen im Zentrum dieser Diskussionen, mindestens aber hat Joe Kaeser Siemens damit überhaupt erstmal auf diese Bühne gebracht.


Nachhaltigkeit und Verantwortung. Ist das neu?

In der Tat suchen immer mehr Unternehmen nach Wegen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Dies übrigens nicht erst seit gestern. Corporate Social Responsibility (CSR) ist seit Jahren Teil des Marketings von Großunternehmen. Nachhaltigkeit ist für viele Unternehmen übrigens keine Kür sondern Pflicht. Mittlerweile müssen börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern CSR-Berichte veröffentlichen. Dies erhöht den Druck von Seiten des Gesetzgebers. Dabei geht es um Informationen zu Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelangen sowie die Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption und Bestechung. (Quelle: https://www.csr-in-deutschland.de/DE/Politik/CSR-national/Aktivitaeten-der-Bundesregierung/CSR-Berichtspflichten/csr-berichtspflichten.html)


Katalysator Social Web

Das Social Web wirkt bei diesem Thema wie ein Katalysator. Zum einen wird dadurch nahezu alles transparent. Gleichzeitig haben es Unternehmen neben den klassischen Medien mit weiteren starken Interessengruppen zu tun, die über ihre Organisation hinaus eine breite Anhängerschaft aktivieren können. Fridays for Future ist das beste Beispiel dafür. Speziell Twitter nimmt hier eine Schlüsselrolle ein, da die Kommunikation dieser Gruppen direkte Verbindung zu Massenmedien hat und somit sehr schnell Millionen-Publikum erreicht. Ganz schnell sind Tipping Points erreicht – sprich aus einem Tweet von Luisa Neubauer wird am gleichen Tag ein nationales massenmediales Thema.

Diese Dynamiken müssen Unternehmen verstehen. Früher war Greenpeace die größte „Bedrohung“ von Unternehmen. Heute treten Greta Thunberg und #FFF in diese Fußstapfen. Nur dass die Frequenz der Empörung zugenommen hat und nicht mehr nur die ganz Großen trifft, wie es Greenpace mit seinem Campaigning immer gezielt anlegte.

Wie sollen Unternehmen darauf reagieren? Die Chancen von „Haltungs-Kommunikation“ liegen auf der Hand. Die Resonanz auf diese Themen ist groß, Unternehmen können Relevanz aufbauen und letztlich auch konkrete Gründe liefern, warum man ihre Services oder Produkte anderen vorzieht. Patagonia ist vermutlich das beste Beispiel hierfür. Hier sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit quasi DNA. Erst 2018 hat Patagonia die Mehreinnahmen aus Trumps Steuerreform für Proteste verwendet. Es ist klar: Wenn mir als Kunde die Haltung eines Unternehmens so wichtig ist, dann werde ich mein Geld genau dort ausgeben. Auf der Basis kann Patagonia auch sehr offensiv kommunizieren.


Boomerang für Siemens

Nur können andere Unternehmen solche Versprechen halten? Können sie diese Haltung beweisen? Siemens kommt genau an diesem Punkt in die Bredouille. Und das, ohne in Sachen Umwelt zu viel versprochen zu haben. Dennoch ist die Erwartungshaltung gegenüber Siemens durch Joe Kaesers Kommunikation besonders hoch. Und damit wird Siemens stärker beobachtet als andere Marktteilnehmer. Natürlich tun die besondere Stellung von Siemens in Deutschland und global und die Buschbrände in Australien ihr übriges.

Siemens sieht sich mit der Erwartungshaltung konfrontiert, auf wirtschaftlich interessante Geschäfte zugunsten des Klimas zu verzichten, sogar laufende Verträge aufzukündigen.

Aber kann es sich ein globales Unternehmen wie Siemens leisten, vertragsbrüchig zu werden? Was würde dies für zukünftige Geschäfte der Siemens Energy bedeuten, die demnächst ausgegliedert und an die Börse gebracht werden soll? Würden potenzielle Auftraggeber nicht skeptisch, dass Siemens beim ersten Protest Verträge aufkündigt? Darf man so erpressbar werden, kann ein Unternehmen wie Siemens so agieren oder gefährdet es seine internationale Stellung damit nicht ganz enorm? Die Antworten liegen auf der Hand. Deshalb kann Siemens den Deal mit Adani nach meiner Einschätzung gar nicht kippen, selbst wenn man auf die Einnahmen leicht verzichten könnte. Das Zeichen an den Markt wäre hochproblematisch. Diejenigen, die applaudieren würden, sind nicht die Kunden von Siemens Energy.

Joe Kaeser hat Luisa Neubauer einen Sitz im dann neuen Aufsichtsrat der Siemens Energy angeboten. Guter Schachzug, ebenso wie der von Luisa Neubauer, die erwartungsgemäß nicht annahm und dafür den Platz an einen Wissenschaftler abtreten wollte. Dies hat Joe Kaeser abgelehnt. Gleichzeitig machte er deutlich, wie Siemens zukünftig mit solchen Themen umgehen möchte:

„Generally, and as a consequence of this issue, we will for the first time in Siemens history establish a Sustainability Committee with external members to give environmental concerns even more priority and attention in the future. I will also open the doors to the youth, and the concerns young people have taken to the streets around the world, to sit at the table. This committee will have the power to stop and escalate projects of critical nature to sustainability, no matter whether we are directly or indirectly participating, like in the current example, with our rail infrastructure.“

(Link https://press.siemens.com/global/en/news/joe-kaeser-adani-carmichael-project)

Der ersten Resonanz nach  zu urteilen besänftigt dies die Kritiker aber nicht. Fridays for Future hat spontane Demos gegen Siemens angekündigt.

Auch in Australien wird gegen Siemens demonstriert. Man kann also zusammenfassen: Siemens hat eine weltweite PR- bzw. Reputationskrise.


Social CEO – gute Idee?

Uhr hier schlägt in meinen Augen etwas zusätzlich zurück. Es gab in den letzten beiden Jahren eine starke Diskussion darüber, ob CEOs auf Twitter oder LinkedIn persönlich in die Kommunikation einsteigen sollten. Befürworter sehen dies als Selbstverständlichkeit. Kritiker mahnten an, dass CEOs im Kern andere Aufgaben zu erledigen haben.

Unabhängig, wie man dazu steht, bleibt festzuhalten: Vorstandvorsitzende sind auf Zeit berufen. Sie sind zu allererst ihren Aktionären verpflichtet. Diese Interessen müssen mit den persönlichen Überzeugungen des CEOs aber nicht deckungsgleich sein. So sehr dieser persönlich Position beziehen und überzeugen mag, so sehr sind ihm bei Unternehmensentscheidungen die Hände gebunden bzw. er hat sich an seinen Shareholdern zu orientieren.

Ich meine von daher, dass gerade CEOs – aber auch Unternehmen allgemein – das ganze vom Ende her denken müssen. Haltung als Marketing-Story ist zu wenig und birgt enorme Risiken. Können Unternehmen ihre Haltung nicht beweisen, droht der Boomerang und damit massiver Reputationsverlust. Dies sollten auch CEOs in ihrer Kommunikation im Social Web bedenken. So schön und gut eine positive Haltung zu den wichtigen Fragen unserer Zeit klingt, so ernst wird sie auch genommen und überprüft. Wer hier mehr verspricht, als er halten kann, geht ins kommunikative Risiko.


Offensive oder Rückzug?

Was bedeutet dies nun für Unternehmen und Marken? Keine Haltung mehr? Doch! Aber alle müssen verstehen, dass sich die junge und sehr kritische Generation gerade in Umweltfragen nicht blenden lässt. Haltung als Marketing wird nicht reichen. Ich gehe fest davon aus, dass der Fall Siemens – egal wie er ausgeht – die Blaupause ist für viele weitere vergleichbare Fälle.

Die weltweit vernetzten Klimaaktivisten mit Millionenreichweite haben verstanden, welche Macht sie in der Hand halten. Und sie lassen sich nicht zufriedenstellen mit PR-Sprech.

Ergo: Unternehmen müssen substanziell und im Geschäft Veränderungen herbeiführen. Wenn ich offensiv kommuniziere, weniger Plastik zu produzieren, dann muss ich als Unternehmen glaubhaft vermitteln können, dass ich dies konsequent tue.

In solchen Fällen droht bei allem Commitment dennoch die Gefahr, dass es zu wenig ist. Greta Thurnberg und Fridays for Future sind kompromisslos. Die Zeit der Geduld scheint vorbei. Unternehmen könnten sich, um beim Beispiel zu bleiben, also plötzlich auch mit der Forderung „Zero Plastic“ konfrontiert sehen. Aktuell geht alles auf CO2, aber niemand sagt, dass dies das einzige Thema bleibt.

Grundsätzlich halte ich den von Siemens eingeschlagenen Weg, Klimaaktivisten und Wissenschaftler stärker einzubeziehen in geschäftliche Entscheidungen, für richtig. Dies würde auch meiner zentralen Forderung folgen, dass sich die Interessengruppen im Sinne von Lösungen konstruktiv zusammentun müssen.

Es bleibt aber dabei: Weniger versprechen, mehr tun – das scheint das Gebot der Stunde, sonst droht massiver Reputationsverlust.

Linktipp: Timo Lommatzsch zum Jahr der Konflikte und Konsequenzen für Organisationen

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Liberalismus am Scheideweg – 5 Punkte für eine Standortbestimmung https://www.christianhenne.com/2020/01/06/fdp-liberalismus-standortbestimmung/ https://www.christianhenne.com/2020/01/06/fdp-liberalismus-standortbestimmung/#respond Mon, 06 Jan 2020 11:01:07 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1218 Vorweg: Ich bin FDP-Mitglied und meine folgenden Einschätzungen richten sich somit vorwiegend an meine Partei. Gleichzeitig meine ich damit aber auch alle, die sich selbst für liberal oder zumindest den Liberalismus für eine gute Idee halten. Diese liberale Idee läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen. In der Weltpolitik gewinnt Populismus an Bedeutung. In der […]

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Vorweg: Ich bin FDP-Mitglied und meine folgenden Einschätzungen richten sich somit vorwiegend an meine Partei. Gleichzeitig meine ich damit aber auch alle, die sich selbst für liberal oder zumindest den Liberalismus für eine gute Idee halten.

Diese liberale Idee läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen. In der Weltpolitik gewinnt Populismus an Bedeutung. In der Medienwelt regieren Zuspitzung und Polemik. Der Klimawandel wird zum bestimmenden weltweiten Faktor. Ich sehe zumindest in Deutschland aktuell keine politische Kraft, die sich dem Liberalismus komplett und überzeugend verschreibt. Und ich erlebe auch immer weniger Menschen, die ich als wirklich liberal wahrnehme – wohlwissend, dass dies ein sehr dehnbarer Begriff ist.

Vielleicht macht es Sinn, sich an dieser Stelle kurz vom ideologischen Begriff des Liberalismus zu lösen und ihn mit Schlagworten zu beschreiben. Diese könnten sein: Mitte, Offenheit, Toleranz, Selbstbestimmung, Freiheit, Eigenverantwortung, Optimismus.

 

1. Liberalismus konkret

Für mich ist wichtig bei Menschen, die sich als liberal bezeichnen, was sie tun und von sich geben. Halten sich Politiker bei aller Pointierung an liberale Standards? Dringen die Markenwerte durch oder geht es vor dem Hintergrund der eigenen politischen Agenda um interessensgeleitete Politik. Liberale Politik sollte den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Sie muss der Entfaltung der individuellen Möglichkeiten dienen.

Beispiel Automobilindustrie: Es ist ein schmaler Grat zwischen der Vertretung der Interessen von Millionen Autofahrern und der Vertretung der Interessen der deutschen Autoindustrie. Beides schließt sich nicht in jedem Punkt gegenseitig aus. Aber es ist auch nicht dasselbe. Entsteht der Eindruck, dass liberale Politik Wirtschaftsinteressen vor die Interessen der Bürger stellt, dann gerät der Liberalismus in ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Dies ist in meinen Augen eines der größten Probleme von liberaler Politik: Sie wird fast ausschließlich als wirtschaftsliberal beschrieben – und leider von den wichtigen Akteuren selbst auch so positioniert. Diese Positionierung ist allein deshalb problematisch, weil sie letztlich elitär ist. Eine sozialliberale Positionierung dagegen würde sich stärker denen zuwenden, die bisher nicht Gewinner sind, dies unter bestimmten Bedingungen aber sein könnten. Thema Chancen.

Die FDP hat selbst im letzten Bundestagswahlkampf die Erfahrung gemacht, dass allein das Thema Bildung, modern angepackt, Menschen bindet. Für mich ein guter Showcase, welches Potenzial die liberale Idee besitzt, welches aber aktuell nicht abgerufen wird, weil es an klar akzentuierter Themensetzung fehlt. Die liberale Idee allein ist zu abstrakt. Sie bindet die ideologisch Überzeugten, nicht aber Menschen, die ihre Wahlentscheidungen von konkreter Programmatik abhängig machen. Diese (zumindest öffentlich wahrnehmbare) Programmatik wiederum sollte sich nicht auf den Diesel oder Steuerpolitik beschränken, um es an dieser Stelle etwas zuzuspitzen.

 

2. Liberalismus in der Positiverzählung

Vielmehr braucht es Liberalismus in der Positiverzählung. Für mich kämen hier Marke und Kommunikation zusammen. Liberalismus ist Optimismus, setzt auf Chancen und die Zukunft. Und hier sind wir beim Knackpunkt: In meiner Wahrnehmung verwechseln viele Liberalismus mit dem Festhalten an alten Gewissheiten. Liberalismus aber sollte progressiv sein. So sehr man bedauern mag, dass sich Dinge auf der Welt ändern, so sehr muss liberale Politik darauf reagieren – und dies in der Positiverzählung.

Digitalisierung bietet Chancen. Für neue Arbeitsplätze, für Wachstum, für ein besseres Leben. Klimapolitik bietet diese Chance aber ebenso. Hier bestünde für die FDP auch die Chance zur Abgrenzung von den Grünen. An Umweltthemen führt bei der nächsten Bundestagswahl kein Weg vorbei. Die FDP muss sich entscheiden: Möchte sie ein Angebot machen an diejenigen, die nichts ändern wollen und hoffen, dass es für sie alles so bleibt wie es ist? Oder möchte sie den Weg in die Zukunft weisen? Optimistisch, mit konstruktiven Vorschlägen, die den Standort Deutschland sichern, aber auch das Leben unserer Kinder und Enkel?

Oder kurz: Ist „German Mut“ nur ein Slogan oder echtes Programm? 

 

3. Liberalismus und Umwelt

Das Umweltthema wird mittel- und langfristig über das Überleben der liberalen Idee entscheiden. Schon jetzt ist spürbar, dass die Geduld für Kompromisse immer direkteren und radikaleren Forderungen weicht. Die Zeit scheint davon zu rennen. Australien ist aktuell nur ein Beispiel, weitere werden in immer kürzeren. Abständen folgen.

Vertreter der liberalen Idee müssen einen Plan entwerfen, wie Liberalismus in dieser Gemengelage überleben kann bzw. wie Liberalismus aktiver Treiber einer vernünftigen Umweltpolitik sein kann. Dabei geht es nicht nur um Details wie Emissionshandel o.ä. – es geht um das große Bild. Es geht um eine grundsätzliche Position liberaler Politik zum Klima.

Vor diesem Hintergrund muss hinterfragt werden, ob Verbote bzw. staatliche Regulierung weiterhin dogmatisch abgelehnt werden können. Keine leichte Aufgabe für liberal eingestellte Menschen, zu denen ich mich auch zähle. Ich mag Verbote nicht, bin ein Fan von Eigenverantwortung. Und dennoch sehe ich rückblickend kein Problem darin, dass das Rauchen in Büros oder Gaststätten verboten wurde. Es sind mit Blick auf die Umwelt sicher viele Regulierungen denkbar, die einen sehr überschaubaren Einschnitt bedeuten würden und wohl eher etwas Komfort als gleich ganze Freiheit kosten.

 

4. Liberalismus und Medien

Die vor allem digitalen medialen Entwicklungen bedeuten ein weiteres Risiko für den Liberalismus. Das Social Web lebt von Zuspitzung, frühere Gatekeeper verlieren ihr Informationsmonopol. Medien unterwerfen sich zunehmend den Empörungsmechanismen. Relevanz bekommt, was zuspitzt. Die Folge sind Polemik und Schwarz-Weiß-Denke. Gift für die liberale Idee.

Es gibt zwei Möglichkeiten, in der politischen Kommunikation mit diesen Entwicklungen umzugehen: Mitmachen oder Kontrast. Gerade forderte der von mir geschätzte Wolfgang Kubicki, dass junge FDP-Politiker auch mal hart in die Auseinandersetzung gehen müssten. Das würde ich unterschreiben. Mut in der politischen Debatte ist wichtig, zu viel Feinschliff kostet manchmal Klarheit.

Entscheidend aber ist, was ich eingangs schrieb: Die Message! Liberale Menschen sollen und müssen ihre Überzeugung vehement artikulieren und verteidigen. Sie müssen aber gleichzeitig auch Gehör haben für die Gegenseite und was viel wichtiger ist, Argumente in die Debatte bringen. Die FDP hat das in der Kampagne zur letzten Bundestagswahl alles wirklich gut hinbekommen. Aber es war eben eine Kampagne. Was ihr nicht gelungen ist, dies zu konservieren und nachhaltig durchzukommunizieren. Das hat Glaubwürdigkeit gekostet, auch wenn man sich heute über 8-10% Zustimmungswerte in Umfragen freut. Beim radikalen Bedeutungsverlust von CDU und SPD und dem gleichzeitigen Aufstreben der AfD ist das viel zu wenig.

Die Grünen zeigen, wie optimistische Kommunikation im relevanten gesellschaftlichen Kontext einschlagen kann. Will die FDP nicht selbst bedeutungslos werden, braucht sie darauf Antworten. Und zwar möglichst schnell.

Von daher würde ich die FDP dabei unterstützen, sich zur Speerspitze für Themen wie Datenschutz oder den Kampf gegen Hatespeech zu machen. Ich würde ihr aber gleichzeitig empfehlen, verbal in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk abzurüsten. Forderungen nach Veränderung sind legitim und inhaltlich geboten. Manche Äußerungen aber müssen eher wie der Wunsch nach Abschaffung verstanden werden, so als wäre der Ö/R ein Feind, der bekämpft werden müsse. Ich persönlich halte die Grundidee des Ö/R aber gerade in der heutigen Zeit für lebenswichtig für unsere Demokratie. Es braucht wirtschaftliche Unabhängigkeit und breite Reichweite in der politischen Berichterstattung und bei Gesellschaftsthemen.

 

5. Liberales Personal

Wie immer in der Politik hängt dies ganz wesentlich am Personal. Ich bewundere Christian Lindner für seinen Mut, sein rhetorisches Talent, seine Selbstüberzeugung. Jede Partei kann sich froh schätzen, einen solchen Frontmann zu haben. Aber eine One-Man-Show kann die liberale Politik nicht allein an die Leute bringen. Personen verkörpern immer nur einen Ausschnitt politischer Programmatik. Gewisse Dinge glaubt man ihnen, andere nicht. Deshalb ist es entscheidend, mehrere starke Leuchttürme zu haben, die der eigenen politischen Idee weitere Facetten und Schattierungen geben.

Dies gilt inhaltlich, aber auch kommunikativ. Mit Konstantin Kuhle hat die FDP einen ganz anderen starken Typen in der Öffentlichkeit als Christian Lindner. Das widerspricht sich nicht, aber Kuhle vertritt die junge Generation, wirkt unabhängiger, artikuliert sich weniger direkt, bekommt aber dafür viel Gehör. Ähnlich sehe ich es bei Johannes Vogel, Manuel Höferlin oder Dr. Lukas Köhler, der die Umweltthemen für die FDP weniger aufgeregt, weniger konfrontativ sondern eher argumentativ vertritt. Eine neue Generation, zu der auch Linda Teuteberg und Katja Suding gehören, bei denen mir bis heute aber etwas das klare politische Messaging fehlt. Generell wären mehr Frauen für die liberale Idee wünschenswert.

Zusammengefasst: Der Liberalismus hat einen Existenzkampf vor sich. Er kann nur dann überleben, wenn Programmatik und Personal überzeugen und persönlich binden können. Hierfür braucht die FDP eine klare Linie, die den Weg in die Zukunft weist und keine alten Kämpfe mehr führt. Junges Personal ist dafür zwingende Voraussetzung. Ein neuer Politikstil somit auch.

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HOW DARE YOU! – Das Risiko der Gesellschaftsspaltung https://www.christianhenne.com/2019/12/28/klima-gesellschaft-spaltung/ https://www.christianhenne.com/2019/12/28/klima-gesellschaft-spaltung/#comments Sat, 28 Dec 2019 15:23:01 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1187 „Die Großeltern sind eh bald nicht mehr, was wollen die mitreden?“ „Omi ist ne Umweltsau.“ So in etwa endet das Jahr 2019 auf Twitter gemessen am Empörungspegel. Nun ist Empörung in sozialen Netzwerken an sich nicht zwingend geeignet, die Substanz von Kritik zu beweisen. Und man kann diskutieren, was Satire ist und wie weit diese […]

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„Die Großeltern sind eh bald nicht mehr, was wollen die mitreden?“ „Omi ist ne Umweltsau.“ So in etwa endet das Jahr 2019 auf Twitter gemessen am Empörungspegel. Nun ist Empörung in sozialen Netzwerken an sich nicht zwingend geeignet, die Substanz von Kritik zu beweisen. Und man kann diskutieren, was Satire ist und wie weit diese gehen kann. Unabhängig davon aber fällt der Zungenschlag auf.

Greta Thunberg und die Umweltbewegung Fridays for Future und weitere Unterstützer haben innerhalb eines Jahres eine riesige Aufmerksamkeit für das wohl wichtigste Thema unserer Zeit hergestellt. Das enorme Engagement der Millionen jungen Menschen bestimmt die politische Agenda. Eine enorme Leistung, die man nicht hoch genug schätzen kann. Davor muss man Respekt haben. Auf der Basis ist echte Veränderung möglich.

Die große Herausforderung aber beginnt jetzt. Aufmerksamkeit in Zeiten sozialer Medien ist wichtig und kann viel bewirken. Sie birgt aber auch enorme Risiken. Das größte Risiko ist das der Spaltung, da soziale Medien immer schwarz-weiß sind und von Zuspitzung leben. Die große Kunst aber beim so wichtigen Klima ist es, möglichst große Gruppen mitzunehmen – in der Politik, in der Wirtschaft und in der Bevölkerung. Denn Umweltschutz wird nur über Mehrheiten gelingen. Das unterscheidet die Politik auch von Aktivisten, denn allein vom Fordern gelingt in demokratischen Systemen keine Veränderung.

Es lässt sich an einigen Beispielen gut darstellen, wo die Herausforderungen liegen.

 

Stadt vs. Land

„Einfach mal das Auto stehen lassen“. Sagt sich für Menschen in einer deutschen Großstadt leicht. In der City macht ein Auto meist gar keinen Sinn. Viele haben gar keines, nutzen maximal Carsharing-Dienste. Für viele Menschen auf dem Land ist das pure Illusion. Ein Blick auf das Netz von Schulen oder Arztpraxen in vielen Regionen unseres Landes zeigt, dass es ohne Auto nur mit enormem Mehraufwand geht. Wenn überhaupt. Da kann die digitalisierte Twitter-Gruppe aus Berlin, Hamburg oder München heraus gerne noch so viel fordern. Die Leute werden das ohne große infrastrukturelle Veränderungen nicht einfach so mitgehen. Es hängt mehr an ihrem persönlichen Lebensumfeld als am Willen.


Jungs vs. alt

“How dare you!” fragte Greta Thunberg in diesem Jahr auf großer Bühne. Die Botschaft ist, dass die Alten die Kinder auf dem Gewissen haben. Und die sagen, man wird die Alten damit nicht davonkommen lassen.

Nun, man kann es durchaus so sehen, dass der enorme Wohlstand der letzten 50 Jahre in den Industrienationen auf Kosten der Umwelt ging. Und man kann sicher auch Ölkonzernen und anderen Absicht unterstellen, um die Gewinne zu maximieren. Ob der Vorwurf an eine ganze Generation, die direkt im Krieg oder kurz danach geboren wurde, aber hilfreich ist, muss bezweifelt werden. Nicht nur, weil diese Generation den heutigen Teenagern den Wohlstand erarbeitet hat, sondern auch, weil man die Frage stellen muss, ob die nachwachsenden Generationen schonender mit den Ressourcen dieser Erde umgehen. Instagrammer reisen rund um den Erdball, um mit Fotos Marketing-Gelder zu kassieren. Die Next Marketing Generation jettet zu Festivals nach Übersee. Die Halbwertzeit von Mobiltelefonen wird immer kürzer, weil der Markt – also die jungen Zielgruppen – immer schnellere Innovationen fordert und junge Menschen bereit sind, dafür immer mehr Geld auszugeben.

Früher waren Autos Statussymbol – heute sind es Apple-Geräte für Tausende von Euros. Lithium, Kobalt oder Nickel für die Akkus wird in Bolivien oder im Kongo von Kindern unter unmenschlichen Bedingungen geschürft. Dies passt so gar nicht zur „Haltung“ in der westlichen Welt. Man kann von daher auch kritisch fragen, wer eigentlich das Leben von wem auf dem Gewissen hat und ob sich die heutige Jugend von diesem Vorwurf freimachen kann.

Letztlich aber wird der gegenseitige Vorwurf keinen Effekt haben. Vielmehr müssen alle Generationen einsehen, dass etwas zu verändern ist. Am besten gemeinsam. Eventuell können die Alten den Jungen dabei eine Hilfe sein. Und andersrum. Und eventuell kommt die junge Generation selbstkritisch auf die Idee, dass E-Scooter nur der nächste Schrotthaufen einer jungen Wohlstandsgesellschaft sind.

 

Reich vs. arm

In diesem Jahr hat Lewis Hamilton darauf verwiesen, wie nötig es ist, die Ressourcen zu schonen. Ein Multi-Millionär, der seit Jahren mit dem Formel1-Zirkus und mehreren Flugzeugen von Kontinent zu Kontinent reist. Nun mag es ehrenwert sein, dass er sich um die Umwelt sorgt und seine Popularität nutzt. Allerdings ist das für ihn auch einfach. Wer über lange Zeit ohne Rücksicht auf die Umwelt Millionen macht, der kann auch sein Gewissen entdecken. Bei seinem Publikum, das auf der Couch vor dem Fernseher sitzt und die meisten Orte, an denen Hamilton war, nur aus dem TV kennt, kommt das womöglich unglaubwürdig rüber. Die persönliche Umweltbilanz von Hamilton dürfte auf Lebenszeit weit schlechter sein als die der meisten Formel1-Fans.

Dies gilt auch für Menschen, die stolz auf ihren Tesla verweisen. Ich respektiere jeden, der auf ein Elektroauto umsteigt. Mit Blick auf die Marktpreise aber ist das für den Durchschnittsbürger hierzulande illusorisch. Allein der Verweis auf einen sauberen Neuwagen geht an der Realität ganz vieler Menschen vorbei. Hier existiert wie in vielen anderen Lebensbereichen auch eine Schere zwischen Menschen mit gutem und solchen mit wenig Einkommen.

Noch deutlicher aber wird es im globalen Vergleich. Während wir in Deutschland wohl den Zenit des Wohlstands erreicht haben, streben andere Nationen gerade auf. Wir, die Jahrzehnte mit Kohle und Öl den westlichen Wohlstand erarbeitet haben, wollen jetzt diesen Millionen Menschen sagen, dass sie das lassen sollen? Glaubt hierzulande ernsthaft jemand, dass die einfach sagen: Gut, Ihr hattet Glück, wir lassen das jetzt mal? Glaubt jemand, dass Politiker mit Aufruf zum Verzicht diese Menschen hinter sich bringen, die gerade bessere Lebensbedingungen erfahren?

Umweltpolitik kann auch Wirtschaftspolitik sein. Daran glaube ich. Deshalb glaube ich auch an die Wirkung von technologischem Fortschritt für das Klima. Ich sehe um ehrlich zu sein keinen anderen Weg.

 

Haltung? Unternehmen müssen Gruppen verbinden

Im Marketing geht es aktuell ganz viel um Haltung. Viele Unternehmen positionieren sich als verantwortungsbewusste Marktteilnehmer. Das ist gut. Ob es dabei eigentlich um mehr Verkäufe geht, ist in meinen Augen irrelevant, weil nichts Negatives. Wichtig scheint mir aber, dass Unternehmen ihre Haltung substanziell ins Geschäfts transferieren. Umweltfreundliche Herstellung und Verpackungen, entsprechende Arbeitsbedingungen – es gibt genügend Möglichkeiten, die über reine Verpflichtungserklärungen hinausgehen.

Die Wirtschaft kann ihre Finanzkraft und ihr Marketing nutzen, um Verhaltensänderungen bei den Verbrauchern herbeizuführen. Dafür aber muss es ernsthaft durchgesetzt werden, positiv kommuniziert und vor allem nachhaltig sein. Wenn die Unternehmen dieses Umweltbewusstsein allein gegenüber ihren Mitarbeitern glaubwürdig vermitteln können, dann wird dies auch Verhaltensänderung nach sich ziehen. Der Weg ist hier recht kurz und vermutlich gar nicht mal so teuer.

Und man würde Gruppen miteinander verbinden. Im Unternehmen und zwischen Unternehmen und Verbrauchern.

 

Satire vs. Statement

„Satire darf alles.“ Zumindest sollte sie ganz vieles dürfen, dies ist Teil unserer freien Gesellschaft. Ob einem jetzt Dieter Nuhr gefällt oder nicht ist dabei eher Geschmacksfrage. Es ist und bleibt deutlich gekennzeichnete Satire, schon allein über das Format. Mir scheint aktuell aber ein Trend einzuziehen, der die Grenzen verwischt.

Satiriker äußern sich ab und an ernsthaft politisch. Dies gilt auch für Dieter Nuhr. Bei der heute show weiß man mit Blick auf die sozialen Medien oftmals nicht mehr, ob dies politische Haltung oder einfach nur Witz ist. Der WDR rechtfertigt sich mit Satire für das Video des singenden WDR Kinderchors, der aber an sich keinen satirischen Anspruch hat.

Das Publikum kann scheinbar zunehmend schlechter trennen zwischen Witz und ernsthafter politischer Äußerung. Die Grenzen lösen sich auf. Folglich kann jedes ernsthafte Statement zu Witz und jede witzige Äußerung zum politischen Statement umgedeutet werden. Eine große Gefahr. Ich würde den Medienmachern dieses Landes von daher ans Herz legen, Witz möglichst deutlich zu kennzeichnen.

 

Journalismus vs. Meinung

Noch auffälliger ist dies bei journalistischen Äußerungen auf Twitter. Mir als studiertem Kommunikationswissenschaftler, der auch ein paar Jahre im Journalismus gearbeitet hat, ist durchaus klar, dass journalistische Meinung ein berechtigtes Genre ist. Dennoch verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass im heutigen Journalismus die persönliche Meinung der Redakteure zu großes Gewicht bekommt und der Ernsthaftigkeit und vor allem der Unabhängigkeit massiv schadet. Ich denke, dies hat maßgeblich mit der Internet-Ökonomie und den sozialen Medien zu tun, in denen die Aufmerksamkeit für Inhalte stark über Zuspitzung und Kontoversen funktioniert. Wir steuern somit aber in eine echte Vertrauenskrise, die Einfluss auf die gesamte Gesellschaft haben wird.

Dies ist für mich nach wie vor eines der größten Risiken der Digitalisierung.

 

Was ist zu tun?

Wir alle müssen dafür sorgen, dass bei allen Forderungen und Nachdruck in der Klimadebatte der Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft nicht verloren geht. Denn Rechtsaußen wartet nur darauf, die Gruppen zu beherbergen, die sich ausgeschlossen fühlen.

Deshalb möchte ich hier zum Schluss deutlich machen: Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist die gesellschaftliche Spaltung beim Umweltthema, das die AfD erstarken lässt und somit den gesamten Prozess abwürgt.

Was ich persönlich tue? Mehr Radfahren. Weniger Fleisch. Weniger Polemik.

In diesem Sinne auf ein gutes Jahr 2020.

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Robert Habeck verlässt Twitter – Pro & Contra https://www.christianhenne.com/2019/01/08/robert-habeck-twitter/ https://www.christianhenne.com/2019/01/08/robert-habeck-twitter/#respond Tue, 08 Jan 2019 20:35:33 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1168 Darf man als Politiker Twitter verlassen? Das ist die Grundfrage, die hinter dem Rückzug von Grünen-Chef Robert Habeck steht. Die Antwort hängt wesentlich davon ab, wen man fragt. Social Media Berater wie Thomas Knüwer sagen aus ihrer Sicht nachvollziehbar Nein. Journalisten wie Dirk von Gehlen, die zum großen Teil über Social Media kommunizieren und dort […]

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Darf man als Politiker Twitter verlassen? Das ist die Grundfrage, die hinter dem Rückzug von Grünen-Chef Robert Habeck steht. Die Antwort hängt wesentlich davon ab, wen man fragt.

Social Media Berater wie Thomas Knüwer sagen aus ihrer Sicht nachvollziehbar Nein. Journalisten wie Dirk von Gehlen, die zum großen Teil über Social Media kommunizieren und dort als Personenmarke unterwegs sind und den Traffic für die redaktionellen Seiten organisieren, sagen ebenfalls Nein. Und auch ein Politiker wie FDP-Chef Lindner, der die eigene Partei über soziale Medien widerbelebt hat, sagt nachvollziehbar Nein.

Politiker auf Twitter sind lebenswichtig für die täglichen News. Politiker selbst finden gerne medial statt. Donald Trump, Christian Lindner, Alice Weidel  – ohne sie auf Twitter gäbe es weniger Aufreger, weniger Reibung – und damit weniger Anlässe zur redaktionellen Berichterstattung. Das ist die moderne mediale Ökonomie, die durch soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook völlig neu definiert wurde.

Berater nehmen genau das als Beweis für die hohe Relevanz der Kanäle. So weit so gut. Es lohnt aber ein konkreter Blick auf die Argumente und das Pro und Contra für Harbecks Entscheidung. Anbei die wichtigsten:


1) Habeck verliert Reichweite

Pro: Ja, soziale Medien sind für Politiker reichweitenstarke Sendekanäle. Sie binden teilweise sechsstellige Nutzer, nahezu jeder politische Journalist folgt ihnen. Oftmals ist der Social Media Account der erste Weg in die Redaktionen. Ohne diese Accounts geht erstmal direkte Reichweite verloren, jeder andere Weg kostet mehr Aufwand. Der Traffic für die eigenen Botschaften muss woanders organisiert werden.

Contra: Robert Habeck kann seine Botschaften über diverse Accounts der Grünen verteilen (lassen). Es ist kaum davon auszugehen, dass er im Endeffekt eine wirklich signifikante Zahl an für ihn relevanten Nutzern nicht erreicht. Die politischen Redakteure folgen auch den Grünen. Und das ist am Ende das Ziel: Über das Einfallstor soziale Medien in die Redaktionen, die der Message dann erst die echte Reichweite geben. Das wiederum über die redaktionellen Social Media Accounts mit Millionen-Reichweiten.

Ergo: Reichweiten-Probleme bekommen weder Habeck noch die Grünen durch diesen Rückzug.


2) Er weicht dem Dialog aus und überlässt das Feld dem Gegner

Pro: Das ist sozusagen der USP von Twitter, Facebook & Co. Der direkte Dialog mit dem Nutzer, dem Bürger, dem Wähler. Indem Habeck sich persönlich verabschiedet, nimmt er sich diese moderne Chance der Kommunikation. Dies kann er auch nicht über Grünen-Accounts erledigen.

Contra: Es findet im Social Web im Prinzip kein argumentativer Austausch zwischen Politiker und Bürger statt. Es geht um Senden, um Zuspitzung, um in die Massenmedien zu kommen. Politiker sind täglichen Angriffen ausgesetzt, brauchen ein Team oder sehr viel Zeit und Willen, sich ständig in den Sturm zu stellen. Es kommt letztlich aber so gut wie nie zu einer Annäherung. Es geht immer nur um Resonanzverstärkung.

Ergo: Ja, Robert Habeck nimmt sich eine wichtige Möglichkeit der Positionierung und der modernen politischen Kommunikation. Diese ist nicht vollends zu ersetzen. Echten Dialog würgt er aber nicht ab, den gäbe es auch mit ihm nicht.


3) Das Problem ist nicht das Medium, sondern der Nutzer selbst.

Pro: Natürlich kann auch in sozialen Netzwerken nur stehen, was Menschen dort hineingeschrieben (oder programmiert) haben. Das gilt auch für Robert Habeck. Der Ursprung für die Kritik ist sein Video, nicht Twitter oder Facebook. Es muss Teil von professioneller politischer Kommunikation sein, mit diesen Kanälen umzugehen. Wer das gut kann, der hat auch weniger Probleme.

Contra: Soziale Netzwerke leben von der Aufmerksamkeitsökonomie, wie eigentlich alle Medien. In dieser Hochgeschwindigkeits-Ökonomie gewinnt im Regelfall nicht die Geschichte mit der meisten Substanz oder der größtmöglichen Differenzierung, sondern es siegt die stärkste Headline. Kontroversen, Zuspitzung bis hin zur Provokation zeichnen heute die politische Kommunikation auf Twitter aus. Wer kommunikative Ziele erreichen möchte, wer Reichweite und Resonanz erzielen möchte, der muss das Spiel nach den Regeln der Plattformen spielen. Genau das hat Einfluss auf die Kommunikation bzw. auf den Absender. Und nichts anderes sagt Robert Habeck in seinem Statement.

Ergo: Wer kommunikative Ziele erreichen will, muss zuspitzen. Wer sich dagegen entscheidet, kann auch die Hände von Twitter & Co. lassen, da die Resonanz massiv sinkt.


Zusammenfassende Bewertung:

Robert Habeck hat mit seinem Rückzug eine wichtige Debatte angestoßen. Diese gilt übrigens auch für hochrangige Firmenvertreter wie CEOs – gerade dann, wenn sie sich politisch äußern. Braucht es wirklich den persönlichen Account, um die Effekte sozialer Medien zu nutzen? Oder lassen sich diese über eigene Plattformen wie Habecks Blog und dann zentrale Accounts (Partei-Accounts der Grünen) ebenso erreichen?

Ich sage ja. Habeck wird so gut wie keinen relevanten Menschen weniger erreichen. Er kann sich selbst auf substanzielle Aufarbeitung von Inhalten konzentrieren. Er bildet auch einen gewissen Kontrast durch Abstinenz. Angela Merkel hat keinen Twitter-Account, Jürgen Klopp ist selbst gar nicht in sozialen Netzwerken aktiv. Beide haben mit die höchsten Vertrauenswerte und sind mediales Dauerthema. Sie gefährden ihre Reputation nicht durch tägliche Skandälchen.

Man schaue auch mal, wie social die großen digitalen Plattform-Betreiber selbst sind. Amazon, Apple, Facebook, Twitter – alle sehr zurückhaltend in der Kommunikation, teilweise gar kein Dialog. Und dennoch täglich im Gespräch. Weil die Produkte die PR machen. Die Social Kommunikation überlässt man den Stakeholdern. Das entscheidende ist die eigene Plattform. Da sollen die Nutzer hin. Da wird das Geschäft gemacht.

Habecks Schritt ist spannend und ein Comeback sicher nicht ausgeschlossen. Die Diskussion geht aber über ihn hinaus und sollte differenziert und nicht religiös geführt werden.

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Disruptive, Agile, MVP – Wie Unternehmen mit Showeinlagen scheitern https://www.christianhenne.com/2018/12/22/unternehmen-digitalisierung-2018/ https://www.christianhenne.com/2018/12/22/unternehmen-digitalisierung-2018/#comments Sat, 22 Dec 2018 11:31:29 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1151 Das Jahr 2018 ist vorbei. Vorweg: Es war für meine Unternehmung – das MUNICH DIGITAL INSTITUTE – das erfolgreichste bisher. Wir haben alle Ziele erreicht bzw. übererfüllt. Unser Geschäftsmodell geht auf. Es gibt also keinen Grund für mich für Groll und somit eine persönliche Abrechnung. Ich nehme aus diesem Jahr aber mit, warum Unternehmen so […]

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Das Jahr 2018 ist vorbei. Vorweg: Es war für meine Unternehmung – das MUNICH DIGITAL INSTITUTE – das erfolgreichste bisher. Wir haben alle Ziele erreicht bzw. übererfüllt. Unser Geschäftsmodell geht auf. Es gibt also keinen Grund für mich für Groll und somit eine persönliche Abrechnung.

Ich nehme aus diesem Jahr aber mit, warum Unternehmen so häufig scheitern bei neuen Modellen. Alle wollen disruptiv sein, ab jetzt agile, wollen wie Softwareentwickler ticken. Doch so sehr sie sich auch coachen lassen für agile Methoden, so sehr alle ihre Kurse für das Projektmanagement der modernen Art machen – es bringt wenig Ergebnisse. Ganz viele Dinge scheitern. Warum?

Ich glaube, es ist ganz einfach: Die wenigsten Verantwortlichen denken unternehmerisch. Und damit ist das Scheitern unausweichlich. Es folgen drei Prinzipien für unternehmerisches Handeln, die Basis für Erfolg sind:


Sei fair und loyal Deinen Partnern gegenüber

Als Unternehmer achte ich darauf, meine Geschäftsverhältnisse fair zu gestalten. Partner müssen sich auf mich verlassen können, ich möchte mich auf Partner verlassen können. Die Branche ist so groß nicht, der Ruf schnell ruiniert, auch mit Blick auf attraktive Mitarbeiter. Unternehmen agieren mit vielen Dienstleistern aber nicht wie Partner, sondern eben wie… Dienstleister. Motto: Ich zahle Dich, Du hast mir zu folgen. Ich verschiebe, lege auf Eis oder stampfe ein, muss ich Dir nicht mal sagen. Kann man so machen. Ich als Unternehmer hätte Angst davor, zukünftig die besten Partner zu verlieren.

Dies ist übrigens der Grund, warum so viele Menschen aus Unternehmen, die auf die Dienstleisterseite wechseln, scheitern. Sie kommen aus dem Befehlsmodus nicht raus. Die Zeiten sind vorbei.


Echte Betriebsmodelle, keine Show-Einlagen

Ich habe in den letzten drei Jahren bei mehreren Unternehmen gesessen, die völlig neue Ansätze verfolgen wollten. Durchaus mit Budget ausgestattet. Da sitzen dann Verantwortliche und bezahlen dafür, dass ich Ihnen sage, dass sie mit ihrer Organisation und den Prozessen niemals erfolgreich sein werden. Dass sie dann lieber sofort konsequent sein sollten und das ganze stoppen. Nein, hieß es dann gerne. „Wir wollen ja neue Wege gehen, Sie sollen uns dabei helfen!“

Doch Hilfe geht häufig nur bis zum schlauen Berater-Chart. Dann ist meistens Schluss. Nichts wird verändert. Die Projekte werden trotzdem weiter vorangetrieben, der Druck wird wöchentlich höher. Du merkst als Berater, dass der Druck an Dich weitergegeben wird. Die ersten Fragen kommen, warum das jetzt alles so wenig Struktur hätte und nicht vorwärts kommt. Der Verweis auf den Punkt, das Projekt von Beginn an anders aufzusetzen, zählt nicht mehr. Ergebnis: In 3 von 4 Fällen (geschätzt) bekommen der oder die Verantwortliche so viel Angst, dass das Thema am Ende stirbt. Sechsstellige Summe in den Sand gesetzt, Personal vergrault. Null Ergebnis.

Die meisten Angestellten von Unternehmen juckt das nicht, da sie am Ende gerade noch dafür sorgen, die eigene Position nicht zu gefährden. Nur es gibt eben kein Ergebnis, stattdessen vergeudete Ressourcen.

Jeder Unternehmer müsste sicherstellen, dass er eine Organisation, ein Betriebsmodell findet, in dem zumindest die Wahrscheinlichkeit hoch ist, am Ende ein Ergebnis zu bekommen. Wollen Unternehmen auf die Spur von Start-Ups, dann sollten sie sich dies vergegenwärtigen.


Überzeugt sein. Konsequent denken. Nachhaltig handeln.

Ich denke, den meisten Verantwortlichen fehlt die eigene Überzeugung. Jeder Unternehmer lebt davon, diese eigenen Überzeugungen zu haben, sie verwirklichen zu wollen, auch gegen Widerstände. Dieses intrinsische Handeln sorgt dafür, Ressourcen und Maßnahmen allein an den Überzeugungen auszurichten. Nicht blind, aber eben konsequent.

Heute brauchen Unternehmen diese Konsequenz genau so wie in den Anfangsjahren ihrer Existenz. Wenn man in neue Märkte will, völlig neue Modelle probiert, neue Produkte entwickelt, neue Zielgruppen erschließt, dann gibt es ganz viele Hürden. Nichts ist mehr planbar, nicht wirklich gelernt oder schon bewiesen. Die Ängste, dass was schief geht, nicht funktioniert, jemand anders das besser kann – all diese Ängste sind immer die Begleiter. Unternehmer kennen das, es begleitet sie durchweg. Erfolgreich sind die, die mit diesen Ängsten umgehen können, sie in positive Überzeugung wandeln, Menschen hinter sich versammeln können, Dinge ändern, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Unternehmer müssen von da an konsequent denken und nachhaltig handeln. Die richtigen Leute an Bord holen, die richtigen Partner involvieren, den nötigen Fokus intern setzen und entsprechend priorisieren. Und da es am Ende darum geht, aus der Überzeugung Umsatz und Gewinn zu machen, ist die Nachhaltigkeit schon mitgedacht. Nur ein Go-Live zu präsentieren, um sich den Bonus abzuholen oder die nächste Beförderung zu sichern, ist für Unternehmer kein Motiv. Es geht um den nachhaltigen geschäftlichen Erfolg.

Vielen angestellten Unternehmensentscheidern von heute geht diese nachhaltige Denke ziemlich ab. Man hat Budget, man hat ein Projekt platziert, man muss was liefern. Ob das lange hält, ob es zum geschäftlichen Erfolg beiträgt – meistens egal.


Conclusio:

Es gibt für Unternehmen in meinen Augen aktuell zwei Wege: Entweder bauen sie sich für neue, digitale Projekte eigene Units, die unabhängig vom Dickschiff rein mit Blick auf die Kundenerwartung arbeiten. Oder sie geben diese Themen zu wesentlichen Teilen in die Hände von externen Partnern, die diese Organisation teilweise schon haben. Im Moment gehen viele den Mittelweg über Inhouse-Agenturen. Hier dürfte entscheidend sein, wessen Kultur und Struktur sich am Ende durchsetzt. Ich befürchte, es wird immer das Mutter-Dickschiff sein. Wir bei MUNICH DIGITAL haben in 2018 die Erfahrung gemacht, dass der Aufbau von eigenen Betriebseinheiten auch für Unternehmen interessant ist, die uns eigentlich eher mit Beratung oder Produktentwicklung beauftragen. Die Gründe habe ich oben benannt.

2019 wird spannend. Denn die Frage wird genau sein: Wer hat den Mumm und die Konsequenz und meint es wirklich ernst. Wer weiter nur auf Showeinlagen setzt, wird an Boden verlieren.

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Der FC Bayern München – die Trumpisierung des deutschen Fußballs https://www.christianhenne.com/2018/10/20/fc-bayern-muenchen-pk/ https://www.christianhenne.com/2018/10/20/fc-bayern-muenchen-pk/#respond Sat, 20 Oct 2018 13:07:52 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1101 Eines vorweg: Ich bin seit über 30 Jahren Hardcore Fan des FC Bayern München. Ich habe Uli Hoeneß immer verteidigt. Ich habe gelitten, geheult, getanzt. Das erste Mal habe ich mich nun geschämt. Die Pressekonferenz des FC Bayern München am 19.Oktober 2018. Dieser Tag wird in die Geschichte des Clubs eingehen. Vielleicht aber auch in […]

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Eines vorweg: Ich bin seit über 30 Jahren Hardcore Fan des FC Bayern München. Ich habe Uli Hoeneß immer verteidigt. Ich habe gelitten, geheult, getanzt. Das erste Mal habe ich mich nun geschämt.

Die Pressekonferenz des FC Bayern München am 19.Oktober 2018. Dieser Tag wird in die Geschichte des Clubs eingehen. Vielleicht aber auch in die Geschichte der Bundesliga und die des deutschen Sportjournalismus oder Journalismus insgesamt. So richtig ist die Tragweite heute noch nicht abschätzbar. Es hängt auch ein wenig davon ab, was Hoeneß und Rummenigge ihren Worten nun folgen lassen.

Klar aber ist, wir haben eine Zäsur erlebt. Man merkt dies bereits an den Reaktionen vieler Fans, die mit Unverständnis und Liebesentzug antworten. Dies verwundert nicht. Die Vereins-Lenker von Deutschlands Vorzeigeclub haben das Verhältnis zu den Medien neu definiert. Dies alles erinnert sehr direkt an Donald Trump – und man wird das Gefühl nicht los, dass Hoeneß & Co. ihn im Kopf hatten, als sie den Plan ersonnen.

Ich möchte auflisten, was für mich die wirklich signifikanten Punkte sind und welche Konsequenzen diese haben können.

 

(1) Mediale Verurteilung. Live gestreamt.

Das ganze beginnt damit, dass der FC Bayern München Medienvertreter zu einer offiziellen Pressekonferenz einlud. Dies passiert normalerweise, damit der Verein offizielle Infos an die Medien gibt und für Rückfragen zur Verfügung steht. Da geht es in der Regel ums Sportliche, um Trainer, um Transfers. Es ist völlig neu, dass ein Verein eine offizielle PK ansetzt, um dort das Innenverhältnis mit den Medien zu klären.

Eine besondere Note bekommt die Sache dadurch, dass diese PK über die eigenen Vereinsmedien (auch über Facebook) an Millionen von Nutzern gesendet wird. Letztlich führt der Club mithilfe seiner Vereinskanäle die gesamte Medienschar vor.  Meines Wissens ist dies neu. Das gab es in der Form noch nicht.

Man kennt dies von Donald Trump, wenn er in PKs Journalistinnen direkt angreift und beleidigt bzw. ihre Fragen komplett mit Verweis auf Fake News ignoriert und Millionen von Amerikanern sich das anschauen können.


(2) Die Neudefinition von Sportjournalismus.

Das Highlight setzte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge gleich zu Beginn. Er berief sich auf Artikel 1 des Grundgesetzes und verlangte letztlich von den Medien nichts anderes, als direkte Kritik an Spielern mit Begriffen wie „Altherrenfußball“ zu unterlassen.


„Wenn ich dann über unsere beiden Innenverteidiger Jerome Boateng, Mats Hummels lesen muss… Altherrenfußball… dann kann ich eigentlich nur noch eins sagen: Geht’s eigentlich noch?“ (Karl-Heinz Rummenigge)



Rummenigge spricht damit den Medien ihre eigentliche Funktion ab.
Diese besteht unter anderem im Sinne der „vierten Gewalt im Staat“ darin, Dinge distanziert, kritisch, unparteiisch und wenn möglich sachlich zu hinterfragen und darüber entsprechend zu berichten. In der Sportberichterstattung, die per se von Emotionen geprägt ist und damit das Produkt Fußball ganz wesentlich vermarktet, weicht die Distanz einer gewissen Nähe zum Geschehen. Die Vereine selbst treiben dies ganz wesentlich voran.

Dementsprechend werden im Sportjournalismus andere Vokabeln verwendet – im Positiven wie im Negativen. „Altherrenfußball“ ist eine Vokabel, die beispielsweise Franz Beckenbauer selbst öfter verwendet hat. Der Begriff an sich dürfte für jeden im Sport völlig unproblematisch sein.

Was hinter Rummenigges Aussagen aus meiner Sicht im Kern steckt, ist folgendes: Zum einen will der Verein verhindern, dass die Spieler weiter verunsichert werden durch kritische Berichterstattung von außen. Legitim und verständlich. Vor allem aber scheint es mir hier um den Marktwert von Spielern zu gehen – also um den Kommerz. Trikots eines Altherrenfußballers lassen sich nicht so gut verkaufen. Mögliche Transfererlöse sinken bei schlechterem Image. Der Verein erwartet scheinbar von Medien, dafür zu sorgen, dessen kommerzielle Ziele nicht zu gefährden.

Es tut mir leid, lieber FC Bayern München – aber DAS kann und darf niemals Ziel von Journalisten sein. Damit verlören sie ihre Unabhängigkeit. Und auch hier muss man sich an Trump erinnert fühlen, der mit Fox News quasi einen Hofsender hat, der kritiklos seine Messages verbreitet.


(3) Mediale Erpressung

Bei der Meisterfeier 2016 verlangte der FC Bayern München vom Bayerischen Rundfunk eine finanzielle Beteiligung an Kosten für die Sicherheit bei der Meisterfeier. Als der BR darauf nicht einsteigen wollte, verweigerte der FC Bayern die Sendelizenzen und verwies darauf, dass man über die eigenen Kanäle genügend Reichweite hätte und der BR somit verzichtbar wäre.


„Wir haben auch wie bekannt hier eigene Kanäle. Ob das Bayern TV, ob das soziale Medien sind.“
(Karl-Heinz Rummenigge) 


Genau diese Argumentation wiederholte der Club am Freitag Vormittag. Unter der Androhung von Unterlassungsklagen und genauer Beobachtung formulierte Rummenigge, dass der Verein auch seine eigenen Kanäle nutzen könne. Dies ist nichts anderes als ein Erpressungsversuch. Der FC Bayern München baut schon länger an seiner Owned Media Strategie und ist dabei sehr erfolgreich. Über Facebook und Twitter allein erreicht der Club mittlerweile über 50 Mio Nutzer weltweit.

Die Ankunft neuer Spieler wird dort teilweise live gestreamt. Auf einen Club wie den FC Bayern sind viele Medien im Sport gewissermaßen angewiesen. Der Verein sorgt für Auflagen, Einschaltquoten und Klicks. Sollte der FC Bayern zukünftig mehr Inhalte exklusiv über die eigenen Kanäle verteilen, so könnte er die wichtigen Sportmedien durchaus kommerziell treffen. Diesem Abhängigkeitsverhältnis, das sich aber immer mehr zugunsten des Vereins entwickelt, scheint sich die Vereinsführung sehr bewusst zu sein. Die Bayern kündigen scheinbar so langsam eine Partnerschaft auf bzw. wollen einseitig Bedingungen diktieren. Kommerziell und zukünftig scheinbar auch inhaltlich.

Blick zu Trump: Wer einen solchen Twitter Account besitzt wie er, kann an anderen Medien vorbei kommunizieren.


Was sind die Konsequenzen?



(4) Gerechtfertigte Medienkritik verpufft

Es ist für Fußballclubs nicht ungewöhnlich, Medien für Kritik und die Darstellung von Sachverhalten zu kritisieren. Dies muss nicht immer sachlich richtig sein, aber als Vereinslenker ist dies im Interesse des eigenen Unternehmens legitim. Wenn Rummenigge von Deals mit Beratern spricht, bei denen interne Infos an Medien durchgestochen werden und im Gegenzug die Spielerbewertungen daran ausgerichtet werden, so ist dies ein valider Punkt. Und es ist gut, wenn dies zum Thema wird. Denn genau dort kündigen Medien ihre Unparteilichkeit auf und ihre Unabhängigkeit. Sie werden käuflich.

Wenn Onlinemedien für Klicks Dinge sachlich bewusst falsch darstellen, dann ist dies ein valider Punkt. Die meisten Journalisten und Fans in Deutschland sehen diesen Punkt ganz sicher auch. Es ist gut, dass die führende Marke im deutschen Clubfußball sich selbstbewusst dagegen wehrt.

Das Problem nur ist, dass es bei der Generalabrechnung ohne jegliche Bodenhaftung schier um Macht geht. Und damit wird ein konstruktiver Austausch unmöglich. Die Argumente werden irrelevant, es geht nur um Gewinnen oder Verlieren.

Wieder der Blick zu Trump: Dies ist genau sein Medienverständnis. Du bist für mich oder gegen mich. Dazwischen gibt es nichts.


(5) Die Gefahr für die Marke FC Bayern München

Langfristig tut sich der FC Bayern München keinen Gefallen. Uli Hoeneß selbst hat den Club als extrem polarisierende Marke aufgebaut. Sich an diesem Club zu reiben, am Ende für jeden Fußballfan im Land Thema zu sein – genau das war lange die Erfolgsformel des FCB.

Wenn der Club nun die Berichterstattung „gleichschalten“ will (großes Wort, aber irgendwie treffend), dann nimmt er sich perspektivisch diese Markenpositionierung. Denn das Ergebnis wird weiterhin Interesse der eigenen Fans sein. Dies aber unkritisch. Die anderen Fanlager aber werden nicht mehr erreicht. Einen BVB-Fan interessiert Bayern-TV nicht. Im Ergebnis wird Bayern seinen nationalen Wirkungskreis verkleinern. Rein kommerziell mag man dies locker ausgleichen mit weiterer Globalisierung.

Der Markenkern aber im Heimatmarkt wird leiden. Und damit geht der Marke FC Bayern München die Identifikation verloren. Bayern-Fans haben ihren Club auch deshalb immer geliebt, weil er mehr attackiert wird als andere. Hoeneß wusste das, deshalb hat er über lange Zeit ganz bewusst immer wieder dafür gesorgt, dass die Marke FCB ja nicht zu lieb ist. So gesehen passt die PK vom Freitag in dieses Bild. Medienkritik ersticken zu wollen, ist aber eben kontraproduktiv.

Diese Rechnung wird nicht aufgehen.

Persönliche Anmerkung: Man muss von prominenten Vereinslenkern auch ein Gespür für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen einfordern. Der Vertrauensverlust in einen Teil der Medienwelt durch Digitalisierung, Donald Trump und die AfD kann einem Uli Hoeneß nicht verborgen geblieben sein. Ein Mensch, der für sich eine starke soziale und demokratische Ader proklamiert, muss sich auch entsprechend verhalten. Einen Ex-Spieler wie Juan Bernat aus Selbstschutz dermaßen öffentlich an die Wand zu nageln, ist niederstes Trump-Niveau. Am Freitag hat Uli Hoeneß für mich sein eigenes Denkmal stark beschädigt. 

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Bildquelle: „FC Bayern München – Servicecenter“,
Jörg Gehlmann, lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FC_Bayern_M%C3%BCnchen_Servicecenter.jpg?uselang=de

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#NOEXCUSES – Mein Sportjahr 2018 https://www.christianhenne.com/2018/10/16/mein-sportjahr-2018/ https://www.christianhenne.com/2018/10/16/mein-sportjahr-2018/#respond Tue, 16 Oct 2018 09:26:40 +0000 http://www.christianhenne.com/?p=1016 Ich habe in diesem Jahr viele Texte gelesen, die alle zumindest etwas auf mich passten. Da war von Männern in der Midlifecrisis die Rede, die sich teure Fahrräder kaufen. Es war die Rede von Menschen mit Burn-Out, die plötzlich zum Ultrarunner wurden. Und es war die Rede von Triathlon als Trend, um es sich in […]

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Ich habe in diesem Jahr viele Texte gelesen, die alle zumindest etwas auf mich passten. Da war von Männern in der Midlifecrisis die Rede, die sich teure Fahrräder kaufen. Es war die Rede von Menschen mit Burn-Out, die plötzlich zum Ultrarunner wurden. Und es war die Rede von Triathlon als Trend, um es sich in den 40ern nochmal so richtig zu beweisen.

Machen wir’s kurz: All das trifft zu auf Männer mit Mitte 40. Zumindest ist das bei mir so. Ich habe dieses Jahr so viel Sport gemacht wie seit dem Studium nicht mehr. Ich hatte auf dem Fahrrad oder auf den vielen Laufstrecken so viel Zeit, durchzudenken, warum ich mir das alles gebe. Meine einfache Antwort: Weil es mich in die richtige Balance bringt, weil es für mich die beste Art der Selbstbestätigung ist. Weil ich es mir ganz persönlich beweise und damit glücklich werde.


Mein Wettkampfkalender sah wie folgt aus:

  • März: Skilangkauf Marathon in Leutasch
  • Mai: Olympischer Triathlon München
  • Juni: Mitteldistanz Triathlon Chiemsee
  • September: Halbmarathon Tegernsee
  • Oktober: München Marathon

Dazwischen war ich im Frühjahr eine Woche im Radcamp auf Sardinien und bin im September mit dem Rad hoch zum Stilfserjoch gefahren.

In Summe waren das in diesem Jahr bis jetzt: 350km Skating – 3.200km Rad – 650km Laufen – 40km Schwimmen

Ich skizziere nochmal kurz, was für mich von den einzelnen Rennen hängengeblieben ist. Eventuell nimmt ja jemand für sich was mit für den eigenen Rennkalender.


März: Ganghoferlauf Leutasch
(42km Skating: 2:18)

Der Ganghoferlauf. Ein fantastisches Rennen. Um die Null Grad, die Nacht zuvor richtig kalt. Keine Wolke am Himmel beim Rennen. Sprich: Perfekte Bedingungen mit schnellem Schnee. Ich hätte auch einen Halbmarathon laufen können, aber ich wollte es mir schon zu Beginn des Jahres beweisen, zumal ich in einer Woche Urlaub in Seefeld kurz zuvor sehr viel gelaufen war. Ich kann diese Ecke nur jedem Langlaufbegeisterten empfehlen. Es ist traumhaft.

Das Rennen aber war hart. Einen Marathon mit einem solchen Höhenprofil mit Armen und Beinen durchzuknallen, ist ein Brett. Das merkt man schon beim Laufen. Vor allem aber danach. Bis dahin war das das härteste, was ich gemacht hatte. Zumal bei der Menge an Läufern Stürze bei Überholmanövern nicht selten sind. Mich hat es gleich dreimal erwischt im Rennen. Nix passiert, aber im Kopf musst Du das immer erstmal wegstecken.

Dennoch lief ich die ganze Zeit mit nem Lächeln im Gesicht. Du weißt einfach, was du da leistest. Und das macht schon dabei sehr zufrieden. Mich zumindest.


Mai: Olympischer Triathlon München:
(2:27:01 / 
1,5 km Schwimmen 25:50, 40km Rad 1:03:49, 10km Laufen 52:57)

An der Regattastrecke in Oberschleißheim. Ein ganz spezieller Kurs. Man schwimmt im Regattasee, bei dem man durchweg auf den Boden schauen kann. Dann fährt man 8 Runden um die Regattastrecke, was mit nem Zeitfahrrad echt ne Challenge ist. Man muss 32 90-Grad-Kurven fahren. Dafür hat man keinerlei Höhenmeter, was natürlich schnell macht. Deshalb konnte ich auch nen 37er Schnitt auf dem Bike fahren. Das Laufen war dann für mich ne Negativ-Erfahrung. Ich hatte als Test zur Ernährung kleine Kohlehydrat-Gums genommen und diese überhaupt nicht vertragen. Meine Laufleistung war für meine Verhältnisse so mies, dass ich froh war, überhaupt noch unter 2:30h Gesamtzeit reingekommen zu sein. Dennoch: Das sollte der Test für den Chiemsee sein. Und dafür war es genau richtig.


Juni: Mitteldistanz Triathlon Chiemsee:
(5:01:45 /
2km Schwimmen 39:04,84km Rad: 2:28:33, 20km Laufen 1:45:17)

DAS HIGHLIGHT. Ich hatte seit Jahren vor, eine Mitteldistanz zu machen. Aber ich hatte auch sehr großen Respekt, weil man da um die 5 Stunden unterwegs ist und man das nicht mit „etwas“ Training vernünftig hinbekommt. Ich komme aus einer Triathlon-Familie und die eigentliche Sensation war, dass mein Vater mit 69 Jahren die olympische Distanz im gleichen Wettkampf gemacht hat. Was für ein Erlebnis. Ich bin bis heute so extrem dankbar dafür.

Zum Sportlichen: Ich hatte gut trainiert, speziell das Laufen sollte passen. Ich wollte am Chiemsee gerne unter 5 Stunden finishen, war mir aber im klaren, dass dafür alles perfekt laufen musste. Los gingen die Schwierigkeiten schon im Wasser. Ich stand für meine Begriffe gut, aber vor mir standen in der ersten Reihe ein paar Jungs, die einfach nicht schnell los schwammen. Um es klar zu sagen: Das waren 500 Meter absoluter Überlebenskampf. Ich musste mich selbst stark beruhigen im Wasser, weil einfach nur alles schlägt und nix vorwärts geht. Für mich als eher guter Schwimmer im Feld erst recht blöd.

Aber ab ca. 500 Meter Schwimmen war das MEIN WETTKAMPF! Ich schwamm den Rest locker in meinem Tempo zu Ende. Auf dem Rad ging alles glatt. Ich hatte gute Beine und stieg mit einem 34er Schnitt bei ca. 900hm auf 84km vom Rad – das war so in etwa der Plan. Und zu dem gehörte, dass ich am Ende einfach nen richtig guten Lauf hinlege. Wer noch keinen Triathlon gemacht hat, versteht evtl. nicht ganz, dass die Frage, wie das beim Laufen dann geht, etwas Wundertüte ist. Du kannst Dich auf dem Rad noch so gut fühlen, das heißt wenig. Meine Familie stand komplett an der Laufstrecke. Meine Frau, die alles für mich organisiert, war mit allen drei Kids da. Wie sie unseren Bus durch alle Absperrungen genau ans Ziel bekommen hat, bleibt ihr Geheimnis.

Für mich war dies nun die wirklich entscheidende Phase im Rennen. Wie würde das gehen? Also Wechselzone, Laufschuhe an, Kappe auf, Brille auf. Ich brauche da Abschottung nach außen. Dann die ersten Schritte… und ich brauchte nicht lange, um mir sicher zu sein, dass das einfach passt. Es war genau das Laufgefühl, das ich wollte.

Und so – Vorsicht, jetzt wird’s emotional – musste ich im Lauf an mich halten. Als ich meine Familie mit den Kids das erste Mal passierte, liefen mir die Tränen hinter der Brille. Ich hatte mir über so viele Monate so viel Druck gemacht. Nicht wegen der Zeit, eher, dass alles passt, ich Spaß habe, die Familie auch und es ein richtiges Fest für alle wird. Und nach 2km Laufen wusste ich: JA, DAS IST ES HEUTE. DAS IST DEIN RENNEN!

Ich lief das Ding konstant durch und kam am Ende bei 5:01 ins Ziel. Nicht ganz die 5 Stunden geknackt. Aber ich war extrem glücklich und so bleibt mir für 2019 ein Ziel.

Aber noch einmal zurück zu den Emotionen: Ich habe wirklich stundenlang nach dem Rennen mit meiner Fassung kämpfen müssen. Meine Jungs liefen mit mir zusammen über die Ziellinie. Das war einer der größten Momente meines Lebens. Es kommt das Adrenalin des Wettkampfs zusammen mit der Erschöpfung und dann den Glückshormonen. Was ein Cocktail. Von außen klingt das sicher übertrieben. Ist es in meinem Fall aber nicht. Ich habe das genau so erlebt.


September: Special Projekt: Stelvio

Es ist für mich, obwohl es kein Rennen war, die sportliche Kirsche auf der Sahnetorte. 48 Kehren über 24 Kilometer mit 1800 Höhenmetern hoch zum Stilfserjoch. Das ganze zusammen mit meinem Papa und meiner Schwester, mit der ich in diesem Jahr eine Menge Radkilometer schon auf Sardinien geteilt hatte. WAS EIN EREIGNIS! Immer wieder diese Verbindung aus sportlicher Herausforderung und Familie. Ich bin so dankbar, das alles erleben zu dürfen. Es geht hierbei nicht um Zeit oder Wattzahlen, es geht wirklich um das Erlebnis, einen der höchsten Pässe der Alpen hochzutreten. Wir sind 7:20 frühmorgens los. Mit etwas einrollen stand ich 2:30h später oben am Pass. Atemberaubend. Unbeschreiblich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Man kann es nicht mit Worten beschreiben. Es ist einfach zu perfekt.


September: Halbmarathon Tegernsee:
(1:37)

Das Kapitel Tegernseelauf können wir kurz machen. Ich habe im Sommerurlaub an der Ostsee viel Tempotraining gemacht. Ich wollte schneller als die 1:42h im Vorjahr sein und war mir auch sicher, das zu schaffen. Und genau so kam es. Es war der perfekte Lauf, das Rennen im Jahr, bei dem wirklich alles perfekt lief. Ich kam mit 1:37h ins Ziel, gefühlt hatte ich sogar noch etwas im Köcher. Wieder meine Kids im Ziel. Carlo ist mit mir über die Ziellinie gesprintet. Alles gut. Ich merkte, da ist was drin in den Beinen.


Oktober: München Marathon:
(3:41)

Meine gute Zeit vom Tegernsee führte dazu, dass ich mir für diesen Marathon eine 3:30 vornahm. Ich wusste, dass das eine Herausforderung war, zumal ich schon 2001 in Hamburg erlebt hatte, wie man nach einer 2:30h Durchgangszeit nach 30km noch ganz böse einbrechen kann. Nach 17 Jahren war dies also mein zweiter Marathon.

Der Plan war einfach: An die Pacemaker mit 3:29h halten und bis zum Ende mitlaufen. Nach bereits 3 Kilometern wurde mir mit Blick auf meinen Puls klar: Das läuft heute irgendwie nicht rund. Bei 4:55 min / km zeigte mir meine Uhr 170er Puls und mehr an. Ich war auf um die 155-160 eingestellt. Da ich aber nun mein Ziel hatte, wollte ich einfach mit den Pacemakern mit. Bis Kilometer 20 ging das alles gut – aber schon bis dahin merkte ich bei einem für mich vergleichsweise ruhigen Tempo die Anstrengung. Normalerweise sagt man bei einem Marathon, dass es ab Kilometer 30 weh tut. Mir tat es nun ab Kilometer 20 weh. Und das ist echt hart, weil Du weißt, dass Du dann noch so um die 1:45 – 2:00 Stunden damit kämpfen wirst.

Und ich habe gekämpft. Ich hatte das Buch von Jan Frodeno im Kopf und die Ironman Übertragung am Vorabend, bei der so viel über mentale Stärke und Laufen gegen den Schmerz erzählt wurde. Ich war für mich jetzt Patrick Lange mit der weißen Kappe. Immer Wasser über den Kopf und in den Nacken. Schmerzen? Egal! Drüber hinweglaufen.

Und irgendwie habe ich das bei mittlerweile 25 Grad im praller Sonne auch hinbekommen. Nicht so gut, wie vorher ausgemalt. Aber weit besser, als ich mich gefühlt habe. Das ist wirklich das kuriose: Du fühlst Dich so schlecht, denkst Du bist so langsam – und dennoch kann Dein Körper eine Menge leisten. Es spielt sich so viel im Kopf ab. Und wenn gar nichts mehr geht, dann habe ich immer noch Mrs. Henne, die alles gibt, um mich irgendwie ins Ziel zu bringen 😉

Zusammengefasst. Ich kam mit 3:41h ins Ziel. Damit war ich unter 3:45h, was mein Mindestziel war. Weit weg von den 3:30h. Aber da ich irgendwie meine, dass ich körperlich nicht voll da war, werde ich das 2019 nochmal versuchen.


Und hier wäre jetzt eigentlich Schluss. Doch DIE STORY des Jahres fehlt noch:

Im Sommer 2017 hatte meine Frau an der Ostsee einen Bandscheibenvorfall. Sie musste mit dem Heli vom Strand geholt werden. Es folgten Wochen Therapien ohne Erfolg, die Ausfallerscheinungen nahmen zu. Nach 10 Wochen die Entscheidung für die OP. Danach monatelang Reha mit ganz, ganz viel Geduld. Im Winter ging‘s los mit ersten Versuchen auf den Langlaufskiern, im Frühjahr mit den ersten Laufkilometern. Im Sommer lief meine Frau mehr als je zuvor, über 100km im Monat.

Irgendwann fragte sie mich, ob sie nicht auch nen Halbmarathon laufen könnte, ob sie das schaffen würde. Meine Antwort war: „Natürlich kannst Du das.“ Und so lief Mrs. Henne nach etwas mehr als einem Jahr am 30. September ihren ersten Halbmarathon. Ich bin die letzten paar hundert Meter zusammen mit unseren Jungs mit ihr mitgelaufen. Und plötzlich war mein Chiemsee-Gefühl wieder da.

Die Leute außen rum werden sich gefragt haben, warum der Typ da jetzt Tränen in den Augen hat. Aber ich habe meine Frau umarmt, es war das pure Glück, der reinste Stolz. Ich hatte die Bilder vom Sommer des Vorjahres im Kopf, den ganzen Stress, den sie als Mutter von drei kleinen und wilden Jungs täglich hat. Und dann diese Energie, dieser Wille. Für mich war dieser Augenblick mehr wert als meine eigenen Rennen.


Was nehme ich mit aus diesem Jahr?

Ich komme zum Ausgangspunkt. Sport ist Lösung für ganz vieles. Zumindest für mich. Und je mehr ich mich in gewisse (natürlich ganz persönliche) Leistungsregionen bewege, je mehr ändert sich mein gesamter Fokus. Ich merke, was ich kann, was noch alles gehen könnte. Und ich will mehr. Die Erfolge bringen Glücksgefühle und ganz viel Selbstbestätigung. Es ist für mich fast der Gegenentwurf zum Social Web. Klingt etwas paradox, weil ich es hier ja öffentlich schreibe. Aber während auf Facebook & Co. jeder mit ein paar Zeilen und geschickten Fotos sonst was für Bilder von sich zeichnen kann, so ist der Wettkampf unverfälscht (deshalb hier auch fast nur Videos). Mal ist er gut, mal nicht so gut. Immer aber geht es um persönliche Ziele, um den Kampf mit sich selbst. Und im Erfolgsfall ist das Glücksgefühl und die Selbstbestätigung unglaublich echt. Niemand kann einem das nehmen.

Es ist unbezahlbar, dass ich das mit meiner Familie teilen kann.

 

Was mache ich 2019? Ne Menge. Vieles ist schon gebucht. Stay tuned…

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