#NOEXCUSES – Mein Sportjahr 2018

 In Allgemein

Ich habe in diesem Jahr viele Texte gelesen, die alle zumindest etwas auf mich passten. Da war von Männern in der Midlifecrisis die Rede, die sich teure Fahrräder kaufen. Es war die Rede von Menschen mit Burn-Out, die plötzlich zum Ultrarunner wurden. Und es war die Rede von Triathlon als Trend, um es sich in den 40ern nochmal so richtig zu beweisen.

Machen wir’s kurz: All das trifft zu auf Männer mit Mitte 40. Zumindest ist das bei mir so. Ich habe dieses Jahr so viel Sport gemacht wie seit dem Studium nicht mehr. Ich hatte auf dem Fahrrad oder auf den vielen Laufstrecken so viel Zeit, durchzudenken, warum ich mir das alles gebe. Meine einfache Antwort: Weil es mich in die richtige Balance bringt, weil es für mich die beste Art der Selbstbestätigung ist. Weil ich es mir ganz persönlich beweise und damit glücklich werde.


Mein Wettkampfkalender sah wie folgt aus:

  • März: Skilangkauf Marathon in Leutasch
  • Mai: Olympischer Triathlon München
  • Juni: Mitteldistanz Triathlon Chiemsee
  • September: Halbmarathon Tegernsee
  • Oktober: München Marathon

Dazwischen war ich im Frühjahr eine Woche im Radcamp auf Sardinien und bin im September mit dem Rad hoch zum Stilfserjoch gefahren.

In Summe waren das in diesem Jahr bis jetzt: 350km Skating – 3.200km Rad – 650km Laufen – 40km Schwimmen

Ich skizziere nochmal kurz, was für mich von den einzelnen Rennen hängengeblieben ist. Eventuell nimmt ja jemand für sich was mit für den eigenen Rennkalender.


März: Ganghoferlauf Leutasch
(42km Skating: 2:18)

Der Ganghoferlauf. Ein fantastisches Rennen. Um die Null Grad, die Nacht zuvor richtig kalt. Keine Wolke am Himmel beim Rennen. Sprich: Perfekte Bedingungen mit schnellem Schnee. Ich hätte auch einen Halbmarathon laufen können, aber ich wollte es mir schon zu Beginn des Jahres beweisen, zumal ich in einer Woche Urlaub in Seefeld kurz zuvor sehr viel gelaufen war. Ich kann diese Ecke nur jedem Langlaufbegeisterten empfehlen. Es ist traumhaft.

Das Rennen aber war hart. Einen Marathon mit einem solchen Höhenprofil mit Armen und Beinen durchzuknallen, ist ein Brett. Das merkt man schon beim Laufen. Vor allem aber danach. Bis dahin war das das härteste, was ich gemacht hatte. Zumal bei der Menge an Läufern Stürze bei Überholmanövern nicht selten sind. Mich hat es gleich dreimal erwischt im Rennen. Nix passiert, aber im Kopf musst Du das immer erstmal wegstecken.

Dennoch lief ich die ganze Zeit mit nem Lächeln im Gesicht. Du weißt einfach, was du da leistest. Und das macht schon dabei sehr zufrieden. Mich zumindest.


Mai: Olympischer Triathlon München:
(2:27:01 / 
1,5 km Schwimmen 25:50, 40km Rad 1:03:49, 10km Laufen 52:57)

An der Regattastrecke in Oberschleißheim. Ein ganz spezieller Kurs. Man schwimmt im Regattasee, bei dem man durchweg auf den Boden schauen kann. Dann fährt man 8 Runden um die Regattastrecke, was mit nem Zeitfahrrad echt ne Challenge ist. Man muss 32 90-Grad-Kurven fahren. Dafür hat man keinerlei Höhenmeter, was natürlich schnell macht. Deshalb konnte ich auch nen 37er Schnitt auf dem Bike fahren. Das Laufen war dann für mich ne Negativ-Erfahrung. Ich hatte als Test zur Ernährung kleine Kohlehydrat-Gums genommen und diese überhaupt nicht vertragen. Meine Laufleistung war für meine Verhältnisse so mies, dass ich froh war, überhaupt noch unter 2:30h Gesamtzeit reingekommen zu sein. Dennoch: Das sollte der Test für den Chiemsee sein. Und dafür war es genau richtig.


Juni: Mitteldistanz Triathlon Chiemsee:
(5:01:45 /
2km Schwimmen 39:04,84km Rad: 2:28:33, 20km Laufen 1:45:17)

DAS HIGHLIGHT. Ich hatte seit Jahren vor, eine Mitteldistanz zu machen. Aber ich hatte auch sehr großen Respekt, weil man da um die 5 Stunden unterwegs ist und man das nicht mit „etwas“ Training vernünftig hinbekommt. Ich komme aus einer Triathlon-Familie und die eigentliche Sensation war, dass mein Vater mit 69 Jahren die olympische Distanz im gleichen Wettkampf gemacht hat. Was für ein Erlebnis. Ich bin bis heute so extrem dankbar dafür.

Zum Sportlichen: Ich hatte gut trainiert, speziell das Laufen sollte passen. Ich wollte am Chiemsee gerne unter 5 Stunden finishen, war mir aber im klaren, dass dafür alles perfekt laufen musste. Los gingen die Schwierigkeiten schon im Wasser. Ich stand für meine Begriffe gut, aber vor mir standen in der ersten Reihe ein paar Jungs, die einfach nicht schnell los schwammen. Um es klar zu sagen: Das waren 500 Meter absoluter Überlebenskampf. Ich musste mich selbst stark beruhigen im Wasser, weil einfach nur alles schlägt und nix vorwärts geht. Für mich als eher guter Schwimmer im Feld erst recht blöd.

Aber ab ca. 500 Meter Schwimmen war das MEIN WETTKAMPF! Ich schwamm den Rest locker in meinem Tempo zu Ende. Auf dem Rad ging alles glatt. Ich hatte gute Beine und stieg mit einem 34er Schnitt bei ca. 900hm auf 84km vom Rad – das war so in etwa der Plan. Und zu dem gehörte, dass ich am Ende einfach nen richtig guten Lauf hinlege. Wer noch keinen Triathlon gemacht hat, versteht evtl. nicht ganz, dass die Frage, wie das beim Laufen dann geht, etwas Wundertüte ist. Du kannst Dich auf dem Rad noch so gut fühlen, das heißt wenig. Meine Familie stand komplett an der Laufstrecke. Meine Frau, die alles für mich organisiert, war mit allen drei Kids da. Wie sie unseren Bus durch alle Absperrungen genau ans Ziel bekommen hat, bleibt ihr Geheimnis.

Für mich war dies nun die wirklich entscheidende Phase im Rennen. Wie würde das gehen? Also Wechselzone, Laufschuhe an, Kappe auf, Brille auf. Ich brauche da Abschottung nach außen. Dann die ersten Schritte… und ich brauchte nicht lange, um mir sicher zu sein, dass das einfach passt. Es war genau das Laufgefühl, das ich wollte.

Und so – Vorsicht, jetzt wird’s emotional – musste ich im Lauf an mich halten. Als ich meine Familie mit den Kids das erste Mal passierte, liefen mir die Tränen hinter der Brille. Ich hatte mir über so viele Monate so viel Druck gemacht. Nicht wegen der Zeit, eher, dass alles passt, ich Spaß habe, die Familie auch und es ein richtiges Fest für alle wird. Und nach 2km Laufen wusste ich: JA, DAS IST ES HEUTE. DAS IST DEIN RENNEN!

Ich lief das Ding konstant durch und kam am Ende bei 5:01 ins Ziel. Nicht ganz die 5 Stunden geknackt. Aber ich war extrem glücklich und so bleibt mir für 2019 ein Ziel.

Aber noch einmal zurück zu den Emotionen: Ich habe wirklich stundenlang nach dem Rennen mit meiner Fassung kämpfen müssen. Meine Jungs liefen mit mir zusammen über die Ziellinie. Das war einer der größten Momente meines Lebens. Es kommt das Adrenalin des Wettkampfs zusammen mit der Erschöpfung und dann den Glückshormonen. Was ein Cocktail. Von außen klingt das sicher übertrieben. Ist es in meinem Fall aber nicht. Ich habe das genau so erlebt.


September: Special Projekt: Stelvio

Es ist für mich, obwohl es kein Rennen war, die sportliche Kirsche auf der Sahnetorte. 48 Kehren über 24 Kilometer mit 1800 Höhenmetern hoch zum Stilfserjoch. Das ganze zusammen mit meinem Papa und meiner Schwester, mit der ich in diesem Jahr eine Menge Radkilometer schon auf Sardinien geteilt hatte. WAS EIN EREIGNIS! Immer wieder diese Verbindung aus sportlicher Herausforderung und Familie. Ich bin so dankbar, das alles erleben zu dürfen. Es geht hierbei nicht um Zeit oder Wattzahlen, es geht wirklich um das Erlebnis, einen der höchsten Pässe der Alpen hochzutreten. Wir sind 7:20 frühmorgens los. Mit etwas einrollen stand ich 2:30h später oben am Pass. Atemberaubend. Unbeschreiblich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Man kann es nicht mit Worten beschreiben. Es ist einfach zu perfekt.


September: Halbmarathon Tegernsee:
(1:37)

Das Kapitel Tegernseelauf können wir kurz machen. Ich habe im Sommerurlaub an der Ostsee viel Tempotraining gemacht. Ich wollte schneller als die 1:42h im Vorjahr sein und war mir auch sicher, das zu schaffen. Und genau so kam es. Es war der perfekte Lauf, das Rennen im Jahr, bei dem wirklich alles perfekt lief. Ich kam mit 1:37h ins Ziel, gefühlt hatte ich sogar noch etwas im Köcher. Wieder meine Kids im Ziel. Carlo ist mit mir über die Ziellinie gesprintet. Alles gut. Ich merkte, da ist was drin in den Beinen.


Oktober: München Marathon:
(3:41)

Meine gute Zeit vom Tegernsee führte dazu, dass ich mir für diesen Marathon eine 3:30 vornahm. Ich wusste, dass das eine Herausforderung war, zumal ich schon 2001 in Hamburg erlebt hatte, wie man nach einer 2:30h Durchgangszeit nach 30km noch ganz böse einbrechen kann. Nach 17 Jahren war dies also mein zweiter Marathon.

Der Plan war einfach: An die Pacemaker mit 3:29h halten und bis zum Ende mitlaufen. Nach bereits 3 Kilometern wurde mir mit Blick auf meinen Puls klar: Das läuft heute irgendwie nicht rund. Bei 4:55 min / km zeigte mir meine Uhr 170er Puls und mehr an. Ich war auf um die 155-160 eingestellt. Da ich aber nun mein Ziel hatte, wollte ich einfach mit den Pacemakern mit. Bis Kilometer 20 ging das alles gut – aber schon bis dahin merkte ich bei einem für mich vergleichsweise ruhigen Tempo die Anstrengung. Normalerweise sagt man bei einem Marathon, dass es ab Kilometer 30 weh tut. Mir tat es nun ab Kilometer 20 weh. Und das ist echt hart, weil Du weißt, dass Du dann noch so um die 1:45 – 2:00 Stunden damit kämpfen wirst.

Und ich habe gekämpft. Ich hatte das Buch von Jan Frodeno im Kopf und die Ironman Übertragung am Vorabend, bei der so viel über mentale Stärke und Laufen gegen den Schmerz erzählt wurde. Ich war für mich jetzt Patrick Lange mit der weißen Kappe. Immer Wasser über den Kopf und in den Nacken. Schmerzen? Egal! Drüber hinweglaufen.

Und irgendwie habe ich das bei mittlerweile 25 Grad im praller Sonne auch hinbekommen. Nicht so gut, wie vorher ausgemalt. Aber weit besser, als ich mich gefühlt habe. Das ist wirklich das kuriose: Du fühlst Dich so schlecht, denkst Du bist so langsam – und dennoch kann Dein Körper eine Menge leisten. Es spielt sich so viel im Kopf ab. Und wenn gar nichts mehr geht, dann habe ich immer noch Mrs. Henne, die alles gibt, um mich irgendwie ins Ziel zu bringen 😉

Zusammengefasst. Ich kam mit 3:41h ins Ziel. Damit war ich unter 3:45h, was mein Mindestziel war. Weit weg von den 3:30h. Aber da ich irgendwie meine, dass ich körperlich nicht voll da war, werde ich das 2019 nochmal versuchen.


Und hier wäre jetzt eigentlich Schluss. Doch DIE STORY des Jahres fehlt noch:

Im Sommer 2017 hatte meine Frau an der Ostsee einen Bandscheibenvorfall. Sie musste mit dem Heli vom Strand geholt werden. Es folgten Wochen Therapien ohne Erfolg, die Ausfallerscheinungen nahmen zu. Nach 10 Wochen die Entscheidung für die OP. Danach monatelang Reha mit ganz, ganz viel Geduld. Im Winter ging‘s los mit ersten Versuchen auf den Langlaufskiern, im Frühjahr mit den ersten Laufkilometern. Im Sommer lief meine Frau mehr als je zuvor, über 100km im Monat.

Irgendwann fragte sie mich, ob sie nicht auch nen Halbmarathon laufen könnte, ob sie das schaffen würde. Meine Antwort war: „Natürlich kannst Du das.“ Und so lief Mrs. Henne nach etwas mehr als einem Jahr am 30. September ihren ersten Halbmarathon. Ich bin die letzten paar hundert Meter zusammen mit unseren Jungs mit ihr mitgelaufen. Und plötzlich war mein Chiemsee-Gefühl wieder da.

Die Leute außen rum werden sich gefragt haben, warum der Typ da jetzt Tränen in den Augen hat. Aber ich habe meine Frau umarmt, es war das pure Glück, der reinste Stolz. Ich hatte die Bilder vom Sommer des Vorjahres im Kopf, den ganzen Stress, den sie als Mutter von drei kleinen und wilden Jungs täglich hat. Und dann diese Energie, dieser Wille. Für mich war dieser Augenblick mehr wert als meine eigenen Rennen.


Was nehme ich mit aus diesem Jahr?

Ich komme zum Ausgangspunkt. Sport ist Lösung für ganz vieles. Zumindest für mich. Und je mehr ich mich in gewisse (natürlich ganz persönliche) Leistungsregionen bewege, je mehr ändert sich mein gesamter Fokus. Ich merke, was ich kann, was noch alles gehen könnte. Und ich will mehr. Die Erfolge bringen Glücksgefühle und ganz viel Selbstbestätigung. Es ist für mich fast der Gegenentwurf zum Social Web. Klingt etwas paradox, weil ich es hier ja öffentlich schreibe. Aber während auf Facebook & Co. jeder mit ein paar Zeilen und geschickten Fotos sonst was für Bilder von sich zeichnen kann, so ist der Wettkampf unverfälscht (deshalb hier auch fast nur Videos). Mal ist er gut, mal nicht so gut. Immer aber geht es um persönliche Ziele, um den Kampf mit sich selbst. Und im Erfolgsfall ist das Glücksgefühl und die Selbstbestätigung unglaublich echt. Niemand kann einem das nehmen.

Es ist unbezahlbar, dass ich das mit meiner Familie teilen kann.

 

Was mache ich 2019? Ne Menge. Vieles ist schon gebucht. Stay tuned…

Christian Henne
Gelernter Journalist. Heute Digital Business. Speaker & Medienpartner. Strategieberater. Unternehmer. München.
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